Was eine Spur weniger erträglich wird durch die Tatsache, dass, vermutlich durch den Verzicht auf einen musikalischen Koordinator und Gestalter von außen und die akustischen Voraussetzungen in der Herrenhäuser Orangerie, die Tempi teilweise verschleppt werden, so dass, in Kombination mit der szenischen Gestaltung, Viviers Oper geradezu zum Oratorium wird, zum Sakralwerk in gefühlter Nähe zu den Bach’schen Passionen. Dass dieses Musiktheater auch surreales Stimmengewirr sein kann, dass hinter der Caritas der Figuren auch Eitelkeit und Egomanie lauern können, dass die in einigen Passagen verwendete Phantasiesprache auch Nonsens-Akademie sein kann, diesen kecken Sophismus von Libretto und Partitur, diese Vieldeutigkeit erlebt man nicht an diesem Abend. Wie die klingen kann, hat Klaus Simon in seiner hervorragenden CD-Aufnahme mit der Opera Factory Freiburg und der Holst Sinfonietta beispielhaft vorgeführt.
Und dennoch bleibt „Kopernikus“ auch in Hannover-Herrenhausen ein Wunder, entfaltet sich faszinierend in der trockenen, aber nie scharfen oder topfigen Akustik der Orangerie. Man hört, dass Vivier Schüler von Stockhausen und Bewunderer von Messiaen war. Und man hört ein einzigartiges Stück Musik und Musiktheater, das mit Recht immer häufiger aufgeführt wird, zuletzt an der Staatsoper unten den Linden. Jeder Millisekunde scheint ihre eigene Melodie zu haben. Die vielen, vielen Klangreibungen sind eher Begegnungen, Dissonanzen scheinen nach Vereinigung zu streben. Es entsteht ein Klanggebilde, dass wesentlich von Viviers SüdostAsien-Reiseerfahrungen gespeist ist, eine Art westöstliche Polyphonie, eine schwebende Perlenkette kostbarster Momente. Wie Roomful of Teeth und L’Instant Donné das hörbar machen, überwältigt – und drängt die unbefriedigende Inszenierung tatsächlich in den Hintergrund.
