Die Moderatoren der "Die Show" (Julia Schubert, Frank Genser)

Showspiel

Kay Voges/Anne-Kathrin Schulz/Alexander Kerlin: Die Show – Ein Millionenspiel um Leben und Tod

Theater:Theater Dortmund, Premiere:23.08.2015 (UA)Vorlage:Tom Toelle/Wolfgang Menge: Das MillionenspielRegie:Kay Voges

Die Show ist nicht nur eine Fernsehsendung, deren Logo stark an das jüngst verschiedene „Wetten, dass?“ erinnert; nein, der smart-schleimige Moderator Bodo Aschenbach (Frank Genser) spricht „Die“ englisch aus, meint: „Sterben“. Und dahinter verbirgt sich auch das Erfolgsrezept der Sendung, die in der gleichnamigen Inszenierung am Schauspiel Dortmund nachgespielt wird, wobei Schauspielpublikum zum Applaus getrimmten Show-Publikum wird: Es geht ums ganze Leben für Kandidat Bernhard Lotz, der am heutigen Finaltag dieser zehnten Staffel entweder eine Million Euro gewinnen oder aber sein Leben verlieren wird.

Das Stück, mit dem Regisseur und Intendant Kay Voges die neue Spielzeit eröffnet, basiert auf dem Film „Das Millionenspiel“, in dem Wolfgang Menge im Jahr 1970, lange vor Einführung des Privatfernsehens, die Perversionen sensationslüsterner Massenunterhaltung karikierte. Da überlebt der Kandidat die Jagd des gegenspielenden Killerkommandos und wird dennoch erschöpft aus dem Studio getragen, Ende offen. (Der Film wirkt heute um so bitterer, als all die 70er Jahre-Fernsehmacher samt dem Showmoderator, gespielt von Dieter Thomas Heck, bei aller Sensationsgier so bieder wirken.) In der konsequenten Dortmunder Adaption eskaliert das Geschehen, weil der Kandidat Lotz kurz vor Schluss zurückschlägt, der russischen Killerin (Bettina Lieder) eine Pistole entwendet und eine Geisel nimmt (ein fiktiver BVB-Nachwuchsspieler). Die wird, von wem bleibt unklar, erschossen, Lotz schafft es mit letzten Kräften ins Studio. Doch da er mit seiner Waffenaneignung gegen die Spielregeln verstoßen hat, muss er eine letzte Probe überstehen und russisch Roulette spielen – was er nicht überlebt. Die drei Killer (neben Lieder ein furchteinflössender Security-Skin, Andreas Beck, und ein irr-durchgedrehter Autist, Björn Gabriel) freuen sich um so mehr über das Geld und singen – vor Leiche mit trauernden Angehörigen – im Finale mit all den anderen Überlebenden ein schnulziges Finale.

All diese Fernsehelemente sind in „Die Show“ großartig kopiert, vorneweg von der holländisch-säuselnden Assistentin Ulla (Julia Schubert, die andererseits auch Lotz’ Freundin Candy spielt). Doch tauchen diese wie Lotz selbst nur im sehr knappen Finale auf der Bühne auf. So spielfreudig das Ensemble ist, so wenig Raum erhält es, die Figuren über Klischees hinaus auszugestalten, auch wenn die verlogene Gefühlsduselei aus Holland und die Plattitüdien des eitlen Moderators nicht ungebrochen zur Wirkung kommen.

Die pausenlosen drei Stunden zeigen immer wieder in den eingespielten Filmschnipseln Prüfungen vom ersten bis vorletzten Tag, es folgen Live-Schaltungen mit desorientierten und gnadenlosen Reportern (Carlos Lobo, Merle Wasmuth). Die Inszenierung eignet sich virtuos die TV-Dramaturgie an, wie wir sie aus heutigen Sendungen kennen; doch die Figuren kommen so jenseits der sehr überzeugend verdichteten Klischees in den Filmchen kaum auf der Bühne vor. Der Abend imitiert nicht nur die Dranbleib- und Vertröst-Ästhetik des Privatfernsehens, sondern leidet gleichzeitig in seiner Dramaturgie darunter. Gleichzeitig attackiert er deutschtümelnde Unterhaltungseinheit – und dichtet der Mutter des Kandidaten (Uwe Schmieder) eine abstruse DDR-Ringer-Vergangenheit mit Doping und Republikflucht an. Hinzu kommen noch – neben den wohl unvermeidlichen, auch tagesaktuellen Borussia Dortmund-Verweisen – Anspielungen auf die drängende Flüchtlingsproblematik. Ob die Flucht des beschränkten und geldgierigen TV-Kandidaten aber Relevantes über den Umgang mit Flüchtlingen in diesem Land erzählen kann, ist doch fraglich.

Die „Die Show“ am Schauspiel Dortmund bleibt letztlich eher eine sehr gut gemachte, dabei aber auch etwas zähe Parodie (voll skurriler Showeinlagen). Vom gebrochenen Unglück der Fernsehgestalten ereicht bei all den in sich auch gelungenen, aber auch redundanten Filmeinspielungen (Voxi Bärenklau) wenig das Schauspielpublikum. Ein guter, aufwändiger Showabend also, eher Parodie als packende Zuspitzung, der es sich etwas einfach macht und ob der zahlreichen Filmformate kaum Zeit nimmt für ein Ausspielen im Schauspielhaus.