Gibt es Hoffnung?
Nun also: Königin Ödipus meint, sie sei verantwortlich für alles Leid der Welt und will dieselbe retten. Irgendwie. Das ist natürlich to much für eine Person. Erst recht für eine so schmale, so junge, deren Füße in recht niedlichen Füßlingen mit langen Zehen stecken. Klar möchte Ödipus in der jugendlichen Umgangssprache von heute auch geliebt werden, wenn sie schon das ganze Unglück freiwillig auf sich nimmt.
Teiresias hält sich lange im wabernden Nebel zurück, überlässt ihr die Show – und Gala Othero Winter und Jörg Pohl sind ein grandioses Duo, das alle Register ziehen kann. Nicht nur, wenn Pohl wie eine Neptun-Karikatur als Orakel aus einem Loch im Bühnenboden auftaucht und sich in einem unverständlichen „Ja, Ja, nein, nein“-Kauderwelsch verliert, statt seiner Rolle gerecht zu werden – irgendwann quetscht er ein „Erkenne dich selbst“ heraus, gibt es im Publikum einiges zu lachen.
Gerade an dieser Stelle kippt lustig in ernst: Teiresias will sein Seherwissen partout für sich behalten. Er weiß warum, aber Ödipus macht das sehr wütend. Das Agonale des alten Griechentums schlägt sich in einem artistischen Ringkampf nieder. Und dann, endlich, rückt Jörg Pohl in einem grandiosen Monolog mit seiner Wahrheit heraus: Die Menschen kriegen es nicht geregelt: das Leben, ein Zusammensein ohne Macht und Herrschaft, Mord und Totschlag. Die Erde ist kaputt, die Kriege dauern an, Revolutionen enden in SPD-Politik, Rock’n-Roll in U2. Ganz schrecklich alles, und Fritzi Ernst singt am Keyboard das passende Kitschliied dazu („Du hast es echt nicht leicht gehabt / Der Abgrund hat dich klein gemacht / Dann hast du’s doch noch weitgebracht / Das hast du wirklich fein gemacht!“). Hilft nichts: Teiresias hat keine Hoffnung mehr.
Und wie kommt man wieder raus aus dieser Düsternis, dem einzig beklemmenden Moment des Abends, dem einzigen auch, der sich auf der Höhe der antiken Vorgabe bewegt? „Komm, gib mir deine Hand“, sagt der Seher zur Königin. Und sie verwandelt sich, oh Wunder, in eine rosafarbene Riesenmaus. Schön, wie die beiden da tanzen. Doch draußen geht der Krieg weiter.
