Szenen von fesselnder Klarheit und Härte: Tito You und das Ensemble in Verdis "Simon Boccanegra" in einer Inszenierung von Nadja Loschky.
Musiktheater,

Schnörkellos

Giuseppe Verdi: Simon Boccanegra

Theater:Theater Aachen, Premiere:07.04.2013Regie:Nadja LoschkyMusikalische Leitung:Kazem Abdullah

Oper ist etwas sehr Künstliches. Der ins Endlose gedehnte Moment, der Blick in den bodenlosen Abgrund, das Gefühl, das so intensiv ist, dass es keine Worte dafür gibt, faszinieren ihre Anhänger von jeher. Dass Kraft und Spannung einer Aufführung vordringlich aus der Vermittlung der Handlung resultieren, ist da eher ungewöhnlich. Genau das ist der jungen Regisseurin Nadja Loschky in Aachen gelungen.

Gabriele Jaenicke hat Bühne und beständig rotierende Drehbühne mit grauen Wänden bestückt, mit wenigen Stapelstühlen und einem Konferenztisch. Ihre Kostüme sind heutig bis zeitlos und charakterisieren die Figuren exakt. In diesem reduktionistischen Umfeld erzählt Loschky Konflikte und Figuren so klar, wie das bei der kruden, an Zufällen reichen Handlung von „Simone Boccanegra“ kaum vorstellbar ist. Chor- und Personenführung sind – besonders in der geradezu thrillerhaft packenden Ratsszene –  derart ausgefeilt und durchgearbeitet, dass Blicke auf die Übertitelungsanlage ganz überflüssig sind. Von Anfang an fressen sich der aufstiegswütige Paolo ( der mächtig auftrumpfende Hrolfur Saemundsson) und die leidenden und wütenden Fiesco und Simone in die Aufmerksamkeit des Zuschauers. Loschky zeigt diese beiden Väter gleichsam als Opfer der Zeit. Ihre Gegenwart wird erdrückt vom Nagen der Vergangenheit und das Hoffen auf Rache und/oder Versöhnung in einer diffusen Zukunft. Die 25 Jahre zwischen Prolog und Haupthandlung lässt Loschky in den ersten acht Takten des ersten Aktes sichtbar und ohne jede Peinlichkeit vergehen. So klar sie erzählt, so unbarmherzig geht sie mit den Figuren um. Selbst in der großen Erkennungsszene gönnt sie dem Vater Simone und seiner Tochter keine körperliche Berührung. Auch im Sterben nicht. Selbst Fiesco weigert sich ängstlich, der Versöhnung in irgendeiner Form körperlichen Ausdruck zu verleihen. Er flieht in leisen Wahnsinn.

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Die – manchmal fast bohrend aufdringliche – Klarheit der Inszenierung findet eine wunderbare Entsprechung im frischen Dirigat von GMD Kazem Abdullah. Bei aller Lebendigkeit führt er die Düsternis dieser Partitur deutlich vor, die Dominanz der subtil aufgefächerten dunklen Farben, von Celli und Bässen, Bassklarinette und Posaune, wie die weitgehende Abwesenheit von schluchzenden Geigen, die nur im – inszenatorisch etwas konventionell geratenen – Liebesduett dominieren dürfen.

Irina Popova überzeugt mit unforcierter, aber nie naiver Mädchenhaftigkeit, Alexey Sapin gibt mit herrlich timbrierten, unter Druck noch etwas eng werdenden Tenor als Liebhaber Adorno ein großes Versprechen für die Zukunft ab. Ulrich Schneider zeichnet ein faszinierend konturenscharfes, von jedem Bass-Brummeln freies Porträt des vom Hass zerfressenen Fiesco. Tito You singt die Titelrolle mühelos mit großer Autorität im Forte, berührenden Leidenstönen und großen Pianoqualitäten. Alle vier phrasieren makellos und eigenständig und finden in den Ensembles wunderbar zusammen.

Auch die übrigen Solisten und der deutlich verstärkte Chor tun das Ihrige und machen die Aufführung dieser doppelten Vätertragödie in Verdis mutterloser Welt zu einem deutlichen Plädoyer für ein immer noch selten gespieltes Stück.