Foto: Die U-Bahn-Station in „Vergeltung“ © Thomas Aurin
Text:Andreas Falentin, am 25. April 2026
Sebastian Baumgarten entdeckt am Schauspiel Köln den vergessenen Autor Gerd Ledig. „Vergeltung“ schildert mit den Mitteln eines Live-Hörspiels fesselnd eine Bombennacht im Zweiten Weltkrieg.
„Die Vergeltung verrichtete ihre Arbeit. Sie war unaufhaltsam. Nur das Jüngste Gericht – das war sie nicht!“ So endet der Text „Vergeltung“ des vergessenen Autors Gerd Ledig. Er beschreibt 70 Minuten im Bombenkrieg in einer nicht bezeichneten deutschen Stadt, ohne Protagonisten, Vorgänge, in denen Menschen ihre Vernunft und ihr Bewusstsein verlieren, weil sie dem Krieg nichts entgegenzusetzen haben.
Die Episoden des Geschehens lassen sich ungefähr so zusammenfassen: Der amerikanische Sergeant Strenehen (Elias Eilinghoff) hat seine Bomben auf dem Friedhof platziert, um die Menschen am Leben zu lassen. Er wird abgeschossen und danach misshandelt, erst von einem Ingenieur (Leonhard Hugger), dann von einem Arzt (Andreas Grötzinger), ohne jeden Grund. Ein Mann (Nikolaus Benda) und ein Mädchen (Rebekka Biener) werden verschüttet, sind von jeder Rettung abgeschnitten, liegen aufeinander. Der Mann vergewaltigt das Mädchen, schämt sich und begeht Selbstmord, das Mädchen bleibt allein – ob sie gerettet wird, erfahren wir nicht. Ein gehbehinderter Lehrer (Andreas Grötzinger) will zum Bahnhof, um seine Frau und sein Kind zu retten. Soldaten, besonders ein Fähnrich (Jonas Dumke), hindern ihn; auf der Flucht vor ihnen wird der Lehrer von einem Bombensplitter getroffen. Das Ehepaar Cheovski (Sarah Sandeh, Uwe Schmieder) hat seine Söhne im Krieg verloren und will sterben. Der Mann entscheidet sich doch für das Leben und geht, die Frau wird von einem Soldaten aus dem brennenden Haus gerettet – sie sterben gemeinsam im Bombenhagel.
Leere, dunkle Bühne
Wie kann man diese Greuel, diese extremen Lebenssituationen auf der Bühne darstellen, ohne sie zu verkleinern? Regisseur Sebastian Baumgarten lässt die Geschichte von vielen Erzähler:innen (Rebekka Biener, Jonas Dumke, Hasti Molavian, Sarah Sandeh) live erzählen, mit lauter, aber nie schreiender Stimme. Die Bühne bleibt dunkel, Szenenüberschriften und englische Untertitel werden in roter Schrift eingeblendet. Vier rote Punktleuchten sind alles, was man auf der Bühne sieht.
Es funktioniert: Man hört gebannt zu bei diesem Live-Hörspiel und versteht das rätselhafte Phänomen Krieg als menschengemacht. In Ledigs Text gibt es keine Moral, keine Schuld, nur Menschen, die fast ausschließlich an sich selbst denken und keine Verantwortung für sich und andere tragen. Das Schlimme an dieser dokumentarisch genauen Darstellung des Krieges ist, dass sie zu stimmen scheint.
Eine U-Bahn-Station
Irgendwann kommen Bilder dazu: Man sieht ab und zu das Studio, in dem das Hörspiel live aufgenommen wird. Viele Figuren der Handlung werden in Kurzbiografien vorgestellt, dann sehen wir eine U-Bahn-Station, gerahmt von Bildern aus dem heutigen Kölner Leben. Wie wäre es, wenn heute Bomben auf die Stadt fallen würden? Haben die alten Leute, die wir hier über den Neumarkt gehen sehen, einen Krieg erlebt, und wie haben sie ihn überlebt?
Dazu kommen ein paar Textpausen in Bildform: Dann bewegen sich heutige Menschen in der U-Bahn-Station. Fußballfans bewegen sich auf einen Mann im schwarzen Anzug (ein Jude?) und zwei verhüllte Frauen zu; zwei Sicherheitskräfte nähern sich einem Mann mit schwarzem Hoodie; fünf junge Männer steuern auf zwei Frauen zu, und eine Putzkraft sieht das und tut nichts. In den Szenen liegt eine Aggression, die wirkt wie ein Gift, das auch einen Krieg auslösen könnte. Krieg ist nicht Vergangenheit, sagt Baumgartens Inszenierung deutlich.
Das Ensemble bie der Live-Hörspiel-Produktion. Foto: Thomas Aurin
Am Ende gibt es einen Totentanz in der U-Bahn-Station: Menschen, die aussehen wie Figuren aus der Bühnenhandlung, tanzen beziehungslos durch die Station, gehen auf die Gleise und marschieren auf ihnen weg – ohne Sinn und Kontrolle, als wäre ein Rattenfänger auf den Gleisen.
Ein großartiges „Live-Hörspiel“, durch genaues Spiel, durch das Bühnenbild von Joep van Lieshout, das – auch durch die Videos von Chris Kondek – fast zu einem visionären Raum wird, und durch die fast übergenauen, überrealistischen Kostüme von Tabea Braun. Ich würde es mir trotzdem nicht noch einmal anschauen. Nicht, weil es nicht gut war.