Szene aus "karpatenflecken"
Schauspiel,

Rumäniendeutsche Geschichtstupfen

Thomas Perle: Karpatenflecken

Theater:Deutsches Theater, Premiere:10.12.2021 (UA)Regie:András Dömötör

Kurz vor Schluss gibt es dann doch noch eine bedenkenswerte Szene aus der jüngeren Vergangenheit: Die Großmutter aus den rumäniendeutschen Waldkarpaten regt sich auf, dass ihre Schwester die ungarische Staatsbürgerschaft angenommen hat – wo man doch im Herzen „teitsch“ sei. Victor Orbán aber loben sie beide: Richtig sei es, dass er die „Schwarzen und Araber“ nicht ins Land lasse. Als sie damals aus ihrer Heimat vertrieben wurden, war das natürlich etwas ganz anderes. Die Araber, das seien schließlich keine Christen. Die sollen doch dahin gehen, wo sie hergekommen sind. Und die Enkelin erwidert kopfschüttelnd: „Das haben sie schon zu uns gesagt.“

Wie aus einem anderen Stück fällt diese Szene herab. Denn so lebensnah und realistisch ist es zuvor nicht zugegangen bei „karpatenflecken“ am Deutschen Theater Berlin. Da hat Thomas Perle in einer arg prätentiösen Kunstsprache, in der es nie ganze Sätze gibt, sondern immer ein paar Worte fehlen, wie das seit einigen Jahren en vogue zu sein scheint bei jungen Autoren, die Spotlights nur jeweils einen kurzen Moment auf die großen Zeitenbrüche gerichtet.

Splitter der Familiengeschichte

Perle geht nicht chronologisch vor, doch historisch betrachtet beginnt das Stück (bis auf eine Rückblende ins 18. Jahrhundert) im Jahr 1939: Die Großmutter will nicht heiraten, weil es im Tal unter den Karpaten keinen „teitschen Mann“ gibt, nur die „Hitleristen“ – und die kann sie nicht leiden. Einen „Romener“ oder „Walachen“ (also einen Rumänen oder Ungarn) will sie auf keinen Fall ehelichen. Später verliebt sie sich dann aber doch in einen Rumänen. In einer folgenden Sequenz haben schon die Ungarn das Sagen und es folgt die Vertreibung 1944. Die Rumänische Revolution und der Mord an den Ceausescus wird zur Miniszene, bei der die Mutter schockiert vor dem Fernseher sitzt – und am nächsten Tag die Koffer packt. Aus den 1990ern gibt die Tochter einen kurzen Einblick ins Leben in Deutschland, wo sie wieder nicht dazugehört, diesmal ist sie nicht die fremde Deutsche, sondern das fremde Mädchen aus dem Ostblock.

Es sind Splitter seiner eigenen Lebensgeschichte, die Thomas Perle hier streut. Kleine, impressionistische Geschichtstupfen. Er ist selbst 1987 als Rumäniendeutscher in Oberwischau geboren, in den Waldkarpaten im Norden Rumäniens. Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Gebiet von Österreichern zur Salzgewinnung besiedelt, daher die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe in dieser Region. 1991 emigrierte Perles Familie nach Nürnberg, heute lebt der Autor in Österreich.

In den Waldkarpaten spielt nun auch sein Stück, angelegt als Familiengeschichte über drei Generationen von Frauen: die Großmutter noch im Königreich Rumänien geboren, die Tochter in der Volksrepublik, die Enkelin in der Sozialistischen Republik. Über sie persönlich erfährt man wenig, sie stehen eher als prototypische Vertreterinnen ihrer Generationen. 1930 lebten immerhin 800.000 Rumäniendeutsche in Rumänien, 2003 waren es nur noch 30.000.

Konstruiertes Stück – sinnliche Inszenierung

Schön aber, dass Perle in mehreren Sprachen schreibt, die den Inhalt reflektieren: Die Großmutter spricht wischaudeutsch – es klingt wie eine Mischung aus Österreichisch und Jiddisch. Die Tante, die einen Ungarn geheiratet hat, spricht hingegen ungarisch. Und die Enkelin hat fürs Publikum beides ins Deutsche zu übersetzen.

Da passt es natürlich, dass der Regisseur András Dömötör inszeniert, gebürtiger Ungar. Überhaupt kann Perle von Glück sagen, dass ihm ein so versierter Uraufführungsregisseur zur Seite steht, der weiß, wie man aus einem doch eher konstruierten Stück sinnliches und mitunter komisches Theater macht.

Auf der kleinen Bühne stehen viele gelbe Kisten aufeinander gestapelt – sie symbolisieren das Gebirge, die Karpaten, aber gleichermaßen die Umzugskartons dieser bewegten Leben. Später tragen die drei Schauspielerinnen den Berg ab und basteln aus den Kisten einen tristen Plattenbau. Dömötör lässt das Ensemble einen alpenländischen Chor formen, das Hackbrett anschlagen und Julia Windischbauer ein Lautgedicht über die Kriegszeit wie einen Bombenhagel performen. Ohnehin tragen die Schauspielerinnen maßgeblich zur Rettung des Abends bei. Vor allem Katrin Klein als Großmutter mit matronenhafter, selbstüberzeugter Rechtschaffenheit, überhöhter Heimatliebe und dem wunderbaren wischaudeutschen Dialekt.

Darüber hinaus hat sich Thomas Perle schlicht ein bisschen zu viel vorgenommen – drei Generationen in einem so bewegten Jahrhundert und Land kann der Abend in seinen 70 Minuten höchstens streifen. Wer die rumäniendeutsche Historie nicht kennt, wird schwer folgen können – wer sie kennt, erfährt wenig Neues. Nichtsdestotrotz ist es großartig, dass sich am Theater überhaupt einmal jemand mit diesen Kapiteln der Geschichte beschäftigt, über die die allermeisten von uns doch viel zu wenig wissen. Warten wir also auf Perles Stück, das die aufregenden Biografien der Rumäniendeutschen etwas üppiger erzählt, statt nur von Umbruch zu Umbruch zu hüpfen.