Die Band im Kafana

Der Star, der nicht mehr spricht?

Marina Abramović: Balkan Erotic Epic

Theater:Ruhrtriennale, Premiere:03.09.2026 (UA)Regie:Marina Abramović

Mit „Balkan Erotic Epic“ taucht Marina Abramović im Rahmen der Ruhrtriennale in alte Rituale ab, langsam und unerbittlich, schafft ungewöhnliche Bilder, die sich festsetzen, und beschäftigt sich vor allem – mit sich selbst.

1980 starb Josip Broz Tito, der ehemalige Staatschef Jugoslawiens. Schon im Zweiten Weltkrieg hatte er die serbischen Partisanen, unter anderem Marina Abramovićs Eltern, im Krieg gegen Deutschland geführt. Dann regierte er 35 Jahre das Land, kommunistisch, aber nicht im Warschauer Pakt, selbstherrlich, sehr konservativ, am Anfang auch tyrannisch.

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Ausstellung, nicht Theaterstück

Wenn wir „Balkan Erotic Epic“ betreten – wie eine Ausstellung, nicht wie ein Theaterstück – blicken wir auf Tito, eine Puppe, die sein Foto als Gesicht trägt. Und wir sehen auf Danica Abramović (Maria Stamenković Herranz), Marina Abramovićs Mutter, Offizierin bei den Partisanen und später Leiterin des Belgrader Museums für Kunst und Revolution. Sie eröffnet den Abend, indem sie feierlich und mit Begleitung einer slawischen Big Band eine Treppe hinunterschreitet, das Publikum hinter sich herzieht und es so in die große Halle der Kraftzentrale führt.

1980 steht aber nicht für einen Anfang, weist nicht auf die Querelen, Feindseligkeiten, Verbrechen und Kriege der 90er- und 00er-Jahre. Das Jahr markiert hier das Ende. Marina Abramovićs „Balkan“ spielt in der Vergangenheit. Mit 13 unregelmäßig im Raum verteilten Stationen führt sie uns durch oft statisch inszenierte Rituale: Eine Braut wird eher unappetitlich mit Milch übergossen, eine andere bekommt das Gesicht geschminkt, durchaus schön anzusehen, beides vier Stunden lang. Drei Nackte penetrieren die Wiese, fünf Frauen in Trachten singen und entblößen immer wieder ihre Vulven: vorzeitliche Fruchtbarkeitsrituale.

Der Tanz der Ahnen

Der Tanz der Ahnen. Foto: Mario Anelli

Im hinteren Bereich gibt es einen Schwertertanz von Frauen, inklusive Selbstmordfantasie, und eine Friedhofsszene mit Skeletten und nackten Frauen, die sich, laut Programmheft, „der Trauer, dem Sex und dem Tod hingeben“, wo es auch Sitzgelegenheiten gibt, sonst Mangelware in dem Raum, den das Publikum über vier Stunden zu durchstreifen hat. Dazu kommen stumme Kolo-Tänzer, der Tanz der Ahnen mit einer Art archaischen Karnevalsmasken in einem abgelegenen Nebengang und ein Bild von Ojkanje-Sängern mit entblößten Penissen, die leider nicht singen. Also bleibt die „Slawische Seele“, so wird das Bild übertitelt, leider stumm.

Archaik, Fremdheit, Andersartigkeit

Was Abramović sucht, ist eine Archaik, eine Fremdheit, eine Andersartigkeit des „Balkans“, dieses Berg- und Küstenlandes zwischen Europa und Asien, wo Krieg, Religion und Rituale schon immer wichtig waren. In der Musik gelingt es ihr sehr gut: Die Band (Akkordeon, Tuba, Sousaphon, Trompete, Flügelhorn, Violine und zwei Percussionisten), oft unterstützt von der Sängerin Dragana Jovanović und dem Countertenor Aleksander Timotić, bewegt sich nomadisch durch den Ausstellungsraum.

Einmal unterstützen sie die Trachtenfrauen, dann sind sie bei einem Hochzeitstanz zugegen, bei dem ein altes Ritual mit einer Frau im roten Kleid, die sehr ausdrucksstark in der Höhe auf einem Podest steht, mit modernem Tanz skizziert wird. Dann sind sie still, wenn die Schauspielerin Elke Luyten in einem Phalluswald von balkanischen Fruchtbarkeitsritualen erzählt, etwa wie ein Ehemann eine Brücke penetriert, um ein glückliches Eheleben zu haben.

Öffentliches Wohnzimmer

Schließlich bewegen sich die Musiker:innen zum „Kafana“, laut Programmheft „eine Mischung aus Kneipe, Restaurant, Musiklokal und öffentlichem Wohnzimmer“. Hier spielt die Band losgelöst und ungeheuer lebensfroh. Und hier findet Danica Abramović Freiheit im Tanz und löst sich aus ihrer Uniform; kann Titos Witwe in dreifacher Person auf verschiedene Art wütend Abschied nehmen von ihrem Mann. Marina Abramović tanzt dazu mit langsamen Bewegungen, fast auf der Stelle. Nichts bewegt sich in ihrem Gesicht, sie spricht nicht, aber ihre Aura strömt. Auch sie, scheint es, gewinnt ein wenig Freiheit. Und am Ende versöhnt sie sich in langer Umarmung mit Danica, ihrer Mutter. Das ist innig, aber nicht frei.

Die Band im Kafana

Die Band im „Kafana“, Foto: Marco Anelli

Marina Abramović hat „Balkan Erotic Epic“, das in einem gleichnamigen Film aus dem Jahr 2005 vorgeprägt war, damals mit vielen Erklärungen versehen, die heute der Raum, die Anordnung der 13 Stationen und die Musik übernehmen – wahrscheinlich vor allem für sich selbst gemacht. Wir sehen ihre Wurzeln, ihre Vergangenheit und ihre Haltung, sonst aber kaum etwas: keine Handlung, keine Konflikte, nicht mal Tempo. Abramović zeigt uns (wie schon in der gleichnamigen Ausstellung im Berliner Gropius-Bau) ihre Herkunft, ihre Familiengeschichte und ihre ästhetischen Obsessionen – aber lässt den Zuschauer mit dieser privaten Mythologie letztlich allein.

Trotzdem wirkt „Balkan Erotic Epic“ nach, für mich wie frühe Robert-Wilson-Projekte, die ich in den 80er-Jahren in Hamburg gesehen habe. Etwas rührt mich an wie ein Geheimnis, obwohl ich viele Einzelheiten, vorsichtig gesagt, nicht verstehe. Und ich habe die Zeit gebraucht, diese vier Stunden, die „Balkan Erotic Epic“ dauert, um dieser groben Ästhetik Raum zu geben, mich anzufassen. Vielleicht muss ich in einem Jahr noch mal darüber schreiben.

Marina Abramović

Marina Abramović, Foto: Marco Anelli