Foto: Singvögel auf der Bühne. © Matthias Baus
Text:Joachim Lange, am 16. Februar 2026
An der Staatsoper Stuttgart sorgt Elisabeth Stöppler mit Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ für Perspektivwechsel. Aus einer Oper über Kunst, Regeln und Erneuerung wird ein Abend, der weibliche Selbstbehauptung sichtbar macht und zugleich zeigt, wie nahe künstlerische Verführung und politischer Abgrund beieinanderliegen.
Richard Wagners „Meistersinger“ sind vieles in einem. Sie sind Künstleroper und eine über das Verhältnis von Erbe und kreativer Erneuerung. Ein anrührendes Stück über „richtige“ Menschen und nicht über ferne Götter oder abgehobene Helden. Und: Sie liefern das Porträt einer Handwerkergesellschaft mit einem Frauenbild, das einem auch schon mal den Atem verschlagen kann. Eine junge Frau als ausgelobter Preis für einen Song-Contest, das gibt es auch nicht oft. Außer bei Wagner, der in dem ganzen Personaltableau eh nur zwei Frauen untergebracht hat.
Personalwechsel
Eva taucht jetzt in der Stuttgarter Inszenierung von Elisabeth Stöppler schon in der Ouvertüre auf. Da sitzt Sachs zunächst allein in einer abstrakt weißen Bühnenkastenleere an einem Tisch und notiert ein „FANGET AN!“, das wir hinter ihm mitlesen können. Er streicht es wieder durch, schafft genau den Anfang nicht. Es ist Eva, die an seiner Stelle mit flotter Hand die Verse aufs Papier bringt, mit denen sich Walther dann in der Singschule bewerben wird. Das ist programmatisch.
Nicht nur Eva und Magdalene werden hier zu selbstbewusst agierenden Frauen. In der Singschule nehmen lauter weibliche Lehrbuben in Abendmahls-Formation an der Tafel Platz. Auch die Frauen, die den Meistern den Rücken freihalten, hat man noch nie so deutlich gesehen. So wie hier eine Es-hätte-so-gewesen-sein-sollen-Utopie eingeflochten ist, verhält es sich auch mit der Poesie. Hört man genau hin, dann wird tatsächlich viel von den Vögeln gesungen, die hier wie personifizierte Poesie dem Personal immer wieder assistieren.
Eva emanzipiert sich diesmal so radikal, dass sie der Schlussansprache von Hans Sachs (zum projizierten Stichwort „deutsch“) ein eigenes Statement (mit Worten von Nelly Sachs) entgegensetzt. Aber auch individuell zeigt sie so viel Mitgefühl für den gescheiterten Beckmesser, dass man sich sogar mal eine Perspektive für die beiden vorstellen kann. Es ist überhaupt so, dass es dieser junge und attraktive Beckmesser im ersten Teil der Johannisnacht schafft, dass die auftauchenden Meister und deren Frauen zunächst animiert dem Rhythmus seines Werbeliedes willig tanzend folgen. Erst durch Davids Angriff läuft das Ganze aus dem Ruder und die Meister gehen aufeinander los. Kann gut sein, dass sie das kreative Potenzial ahnen, das in Beckmesser steckt.
Selbstfindung
So ähnlich wie in Katharina Wagners Bayreuther Inszenierung ist Stolzing hier jedenfalls – korrespondierend zu Beckmesser – nicht der positive Strahlemann. Er ist eher der gefährliche, populistische Verführer. Die Bühne von Valentin Köhler hat sich vom gezimmerten Fachwerk des Anfangs über das Mauerwerk des zweiten Aufzuges zu einer Kulisse gewandelt, die Albert Speers Nürnberger Parteitagsarchitektur imaginiert. Die Festwiese gibt es hier nur als schriftliche Vision.
Der dritte Aufzug beginnt gar mit der eingespielten Rezitation der Todesfuge von Paul Celan. Mit ihrem beißenden Kernsatz „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, was erschreckend gut zur Musik passt. Ein beklemmender Blick in den Abgrund der deutschen Geschichte, zu dem sich jeder seine Bilder selbst suchen muss. Für Sachs wird sein Auftritt auf der Festwiese zu einem Traum. Als Künstlerkönig mit Papierkrone und rotem Umhang steht er hinter dem gemauerten Rednerpult. Stolzings Auftritt wird optisch zu einer Art Ver-Führer-Rede mit einer Wirkung, wie sie das Lied vom „Morgigen Tag“ im Musical „Cabaret“ hat.
So wie Stöppler die Regietheaterschraube von Akt zu Akt anzieht, führt die Bühnenarchitektin vom soliden Handwerk in die tausendjährige Sackgasse. Durch die ausgefeilte Personenführung bleibt es gleichwohl auch eine warmherzige Erzählung von Menschen auf der Suche nach sich selbst. Wobei man sich auf die Vögel eher einen Reim machen kann als auf die auf Walther gerichtete Pistole von Sachs.
Exzellente Umsetzung
Zur packenden Inszenierung gehört eine exzellente musikalische Umsetzung, der Cornelius Meister am Pult des Staatsorchesters Stuttgart ein so einfühlsames wie mitreißendes Fundament liefert. Martin Gantner ist ein vitaler Sachs, der für die recht erwachsene Eva von Esther Dierkes durchaus als Mann in Frage käme. Daniel Behle ist ein wohltimbrierter und sicher strahlender Walther von Stolzing, der seine Wandlung vom etwas spießig wirkenden Biedermann zum abgehobenen Populisten überzeugend spielt.
Umgekehrt punktet Björn Bürger nicht nur als attraktiver Beckmesser, der sogar einen Zugang zu Eva findet. Maria Theresa Ullrich verleiht Magdalene eine Präsenz, die weit über ihre Rolle als Amme hinausgeht. Ya-Chung Huang ist als (Zweitbesetzung des) David erstklassig. David Steffens führt als Pogner eine Meisterriege an, in der sich auch alte Wagnerrecken wie Franz Hawlata (Hans Schwarz) oder Heinz Göhrig (Balthasar Zorn) wiederfinden. In der zweiten Vorstellung bejubelte das Publikum diese „Meistersinger“ ohne Widerspruch.