Am Ende braucht man ein weites Herz, um zusammen zu denken, was nicht immer so ganz zusammenpasst. Das Einheitsbühnenbild von Jens Kilian hilft dabei – obwohl die halbrunde Riesen-Scheibe und die darum aufgestellte Kuppel aus Segmenten die an Calatrava erinnert, die Palast und Schiff genauso wie Tempel oder Todesbaum sein können, die direkte Bebilderung der Geschichte mehr verweigert, als liefert. Nemirova erzählt gleichwohl vom Wahnsinn auf allen Seiten. Vom rassistischen Erobererhochmut der Europäer, die sich einfach die schönsten Teile der Welt zusammenrauben und die Menschen, die dort leben, versklaven. Aber auch von der mörderischen Brutalität der in dem Falle indischen Glaubensfanatiker, die am liebsten allen Ungläubigen die Kehle durchschneiden würden. Und es machen, wenn sie können. So wechselt der bei Roberto Alagna manchmal etwas allzu kraftvoll angeraute, oft schmetternde Vasco ziemlich bedenkenlos zwischen seiner angebeteten Inès (die Nino Machaidze leidenschaftlich ausstattet) und der Titelheldin, die Sophie Koch mit Würde und manchmal der betonten Härte versieht, die ihre Selbstaufopferung unter dem magischen Giftbaum am Ende glaubhaft macht. Nemirova versucht gar nicht erst den Tableaus zu entkommen, sie arrangiert sich damit. Manchmal blitzt der Kurzschluss zwischen dem Zusammenprall der Kulturen von damals und heute wie in einem Spott auf und spielt mit den Bildern von heute. Meist aber bleibt den Zuschauern der Raum für eigene (Rück-)Schlüsse. Was kein Nachteil ist.
