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Reise ins Mögliche

Nis-Momme Stockmann: Der unsichtbare Reaktor

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Nürnberg
Regie: Jan-Christoph Gockel   Foto: Konrad Fersterer 
Von Florian Welle am 22.05.2022

Bis zu 40 Metern türmte sich die Welle auf, die nach dem gewaltigen Erdbeben am 11. März 2011 auf die japanische Küste traf und schließlich zum atomaren GAU von Fukushima führte. 3/11 lautet in Japan die Abkürzung für die verhängnisvolle Dreifachkatastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfall. Im Nürnberger Staatstheater sehen wir die wohl berühmteste Welle der Kunstgeschichte: Hokusais „Die große Welle vor Kanagawa“. Als Modell wird sie zur sanft-wiegenden Melodie von Charles Trenets Chanson „La Mer“ über die Bühne gezogen. Zu Beginn der zweistündigen Aufführung sieht man sie noch klein im Hintergrund. Am Ende steht sie dann weit vorne, gewaltig und groß und doch nur ein Abbild. Hokusais Farbholzschnitt lässt als künstlerische Stellvertretung den Tsunami vor unserem inneren Auge entstehen. Nur nochmal ironisch gebrochen durch die musikalische Hymne an das Meer und seine Schönheit. Womit wir beim Thema dieses sehr komplexen und klugen Abends sind, der danach fragt, was Wirklichkeit ist, wie man von ihr erzählen kann und welche ihrer Versionen vermeintlich stimmt. Die Frage nach der Deutungshoheit ist heute ja brisanter denn je.

„Der unsichtbare Reaktor“ ist eine Gemeinschaftsarbeit des Dramatikers Nis-Momme Stockmann mit dem Regisseur Jan-Christoph Gockel. Hervorgegangen aus dem verzweifelten Kampf Stockmanns, mit den Mitteln der Kunst etwas zu Fukushima zu sagen. 2012 ist er auf Einladung des Goethe-Instituts zum ersten Mal in die Unglücksregion gereist. Hat vor Ort mit Menschen gesprochen, Filmaufnahmen gemacht, Material gesammelt. 2016 kam er wieder. Fünf Jahre später wollte er anlässlich des traurigen Jubiläums ein drittes Mal hinfahren. Diesmal gemeinsam mit Jan-Christoph Gockel. Dessen Plädoyer für ein „Theater der Reise“, das ihn unter anderem schon in den Kongo, nach Burkina Faso und Hawaii geführt hatte, schien Stockmann geeignet, das sperrige Thema endlich zum Reden zu bringen. Pandemiebedingt konnte die Reise im vergangenen Jahr jedoch nicht stattfinden. Was zuerst wie ein weiteres Hindernis bei der künstlerischen Auseinandersetzung aussah, sollte sich jedoch als Glücksfall erweisen.

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Mit falschem Autor auf richtiger Fährte

In der Zwischenzeit war nämlich Werner Herzogs Film „Family Romance, LLC“ herausgekommen. Darin wird ein überaus ausgefuchstes Spiel mit Fakt und Fiktion, Original und Fälschung getrieben. „Family Romance, LLC“ gibt sich als  Dokumentarfilm über eine japanische Firma aus, in der man Schauspieler mieten kann, die je nach Bedarf für kurze oder lange Zeit in die Rolle eines Vaters, Freundes, einer Ehefrau oder Freundin schlüpfen. Was Herzogs Film, in dem alles Inszenierung ist, jedoch noch doppelbödiger sein lässt, ist der Umstand, dass es diese Firma tatsächlich gibt. Seit 2009 kann man sich in Tokio bei ihrem Gründer Ishii Yuichi wirklich Familienmitglieder oder Freunde als Stellvertreter leihen. Die perfekte Illusion und damit nichts anderes als Theater!

Genau diesen Ishii Yuichi warben nun Stockmann/Gockel an, stellvertretend für sie die Reise nach Fukushima zu unternehmen und filmisch festzuhalten. So wurde aus dem Japaner der deutsche Nis-Momme Stockmann, der noch einmal all die Orte und Menschen besucht, die er einst für seine Recherchen aufgesucht hatte: Das Meer, eine Zwischenlagerstätte für atomaren Müll, das Memorial Museum. Oder Wakamatsu Yoko, die Ehefrau des Dichters Wakamatsu Jōtarō, der  sich in seinem Werk immer wieder mit den Verwüstungen durch die Atomkraft auseinandergesetzt hatte. Er ist im vergangenen Jahr im Alter von 85 Jahren gestorben. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Was ist geblieben? Was hat sich verändert? Welche Erzählung von dem Unglück hat sich durchgesetzt? Der  Stücktitel „Der unsichtbare Reaktor“ bezieht sich nicht nur auf die unsichtbare atomare Strahlung, sondern auch auf die materiellen und immateriellen Spuren der Katastrophe. Der Reaktor wurde rückgebaut, kontaminierte Gegenstände in der Erde verscharrt, Erinnerungen haben sich gewandelt, wurden verdrängt, vergessen oder sind mit dem Tod der erinnernden Person verschwunden.

„Wie erzählt man von der Katastrophe?“ Noch dazu als Deutscher, womöglich gar als eine Art schaulustiger Tourist. Dies war die Frage, die Nis-Momme Stockmann lange lähmte. In der Nürnberger Inszenierung seines Stücks, bei dem Jan-Christoph Gockel Regie führte, ist ein starkes, hochkonzentriert spielendes Quartett bestehend aus Julia Bartolome, Moritz Grove, Llewellyn Reichmann und Raphael Rubino zu sehen, das in vier Versionen den Dramatiker verkörpert. Alle vier stellen in der Stockmann-Rolle diese Frage zu Beginn der Aufführung. Verzweifeln, weil es anscheinend nur die Wahl zwischen „verharmlosend“ oder „hysterisierend“ gibt. Bis die beschriebene Stellvertreter-Lösung gefunden ist, und die Zuschauer im Folgenden immer wieder Videos auf Großleinwand schauen, in denen Ishii Yuichi als Stockmann durch die Präfektur Fukushima reist.

 

Theater als dritter Weg

Die Stellvertreter-Lösung: Sie ermöglichte dem Team Stockmann/Gockel einen dritten Weg zwischen Verharmlosung und Hysterie, indem sie die Ratlosigkeit selbst zum Thema macht. Dadurch ganz grundsätzlich das Theater als jahrhundertealte Illusionsmaschine vorführt und die fundamentale Frage der Repräsentation von Wirklichkeit stellt. Stück wie Inszenierung sind intellektuelles Metatheater und Vexierspiel in Reinform. Das könnte ziemlich anstrengend und enervierend sein, wenn es nicht so verspielt und mitunter sogar sehr komisch auf die Bühne gebracht wird wie hier. Jan-Christoph Gockels langjährige Bühnenbildnerin Julia Kurzweg hat die gute, alte Guckkastenbühne mit angedeuteten Kulissenrahmen wiederbelebt. Dazu gibt es eine Video-Leinwand, umrahmt von einem schweren Goldrand wie bei einem barocken Gemäldeschinken, und allerlei weiteren Bühnenzauber. Das bedeutet aber auch, dass keine Katastrophenbilder von 2011 zu sehen sind. „Der unsichtbare Reaktor“ ist kein Dokumentartheater und will auch keines sein.

Die Inszenierung ist nicht die opulent-überbordende Theatersause, wie man sie schon häufig von Jan-Christoph Gockel gesehen hat. Zuletzt immer wieder an den Münchner Kammerspielen, wo er seit der Spielzeit 2020/21 zum Künstlerischen Leitungsteam gehört. Dass er auch leiser und komprimierter arbeiten kann, beweist dieses Theaterprojekt mit Nis-Momme Stockmann. Es ist nicht zum Schaden der Zuschauer.

 

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