Verfremdete Walzermusik bringt der bärtige Tschaikowsky (Daniel Holzhauser) mit in die Gleichung ein, über dessen ebenfalls rätselhaften Tod Vivier in seinen letzten Jahren eine Oper plante. Anstelle einer dokumentarischen oder akkurat biographischen Dramaturgie hangeln sich Nikodijevic und sein Librettist Gunther Geltinger nicht weniger sklavisch an Schlüsselstationen und Schlüsselwerken in Viviers Leben und an Motiven der Homoerotik und des Rituals entlang. Viviers tragisches Leben bietet sich in der Tat hervorragend für tiefenpsychologische Deutungen an. So gerät man hier auch in keine Interpretationsnot, wenn Claude, der während seiner Jugend im Priesterseminar vor allem den Weg zur Musik fand, mit dem von Speeren durchbohrten Märtyrer Sebastian den Liebesakt in seinem Mordbett vollzieht mit den Worten: „Wie schön sind deine Wunden, Blut soll mich erheben, so tief sind deine Wunden, Schmerz will ich erstreben“.
Viviers Reise nach Fernost taucht die Bühne in tiefes Rot. Während ein Zeremonienmeister mit kleinen Sumo-Adjutanten Claude ritualhaft in einen Kreis von leuchtenden Speeren einschließt, webt sich fernöstlich anklingendes Holzschlagwerk in die Partitur – und das sind dann Momente so plump, dass Gott erbarm. Dazwischen immer wieder Claude allein im lyrischen Niemandsland zwischen Leben, Tod und Kunst: frontales Stehtheater in Blau. So wie das Licht durch alle Farben des Regenbogens wandert, bedient auch der jeweilige Musikstil eine breite Palette, bis er im violetten Showdown der Mordszene in einer musicalartigen rhythmischen Energiebombe kulminiert. Doch selbst diese verstehen die lethargisch wie durch ein Aquarium sich bewegenden Darsteller auf der Bühne zu entschärfen. Eines jedenfalls hat die Uraufführung von Nikodijevics Kammeroper „Vivier“ bewiesen: Ein großartiger Stoff in einer risikoarmen Leere-Bühne-Ästhetik allein ist kein Garant für Erfolg. Und der war, dem müden Applaus nach zu urteilen, überschaubar.
