Die Psyche blankziehen

Raquel García-Thomás: Ich, ich, ich!

Theater:Staatsoper Hannover, Premiere:22.10.2026Regie:Ruben MichaelMusikalische Leitung:Masaru KumakuraKomponist(in):Raquel García-Thomás

An der Niedersächsischen Staatsoper inszeniert Ruben Michael „Ich, ich, ich!“ von Raquel García-Thomás. Der Abend überzeugt mit großartigem Ensemble und kreativen Ideen, schießt zeitweise aber etwas über das Ziel hinaus.

Es beginnt im Publikum. Das Orchester beginnt zu spielen und plötzlich windet sich an der Bühnendecke der große Scheinwerfer, zeigt nach vorn, leuchtet anklagend in die Menschenmenge. Big Spotlight is watching you. And you better like it! Dann erheben sich Stimmen auf der Tribüne. Michał Prószyński, den wir gerade noch widerstrebend als Nachzügler kurz vor knapp in die hinterste Ecke der vierten Reihe gelassen haben, steht auf und singt: „Blaaa!“

Der Rest des Ensembles antwortet in den Reihen dahinter mit ähnlichen Wortfetzen, macht auch uns im Publikum zu Mitgliedern einer Masse, die viel redet und dabei wenig sagt. Mehr fokussiert auf uns selbst als auf wirklichen Austausch. Schnell fällt der originale Titel der Oper: „Je suis narcissiste“ (Ich bin narzistisch). Dann schwenkt der Scheinwerfer vom Publikum auf die Bühne, zu einem hellbraunen Ledersofa. Die vier Darsteller:innen folgen ihm wie die Motten dem Licht. Schon räkeln und quetschen sie sich auf der Couch, passend zum Ende des Serienintro-artigen Einstiegs, fast wie bei den Simpsons.

Diagnose: Narzissmus

Die Couch ist Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Von hier aus interagiert Protagonistin Klothilde (Hanna Larissa Naujoks) mit ihren Erinnerungen, berichtet ihrem (vermeintlichen) Psychiater Dr. Giovanni Tempesta (Max Dollinger) von ihren Erlebnissen. Ihr Kater ist gestorben, ihr Job ist futsch und dann hat sie ihren Freund Guido auch noch beim Sex mit Silvia erwischt. Aber all das rührt Dr. Tempesta relativ wenig. Eigentlich hört er Klothilde gar nicht richtig zu. Viel wichtiger sind seine eigenen Gedanken, über die Menschheit, über die Epidemie, die uns alle heimsucht: Narzissmus.

Dafür führt Dr. Tempesta einige Beispiele an, die man vor allem in den sozialen Medien antrifft. Da ist der wichtigtuerische Künstler, die nicht reflektierte Bloggerin oder auch der besserwisserische Verschwörungstheoretiker. Regisseur Ruben Michael lässt die einzelnen Charaktere über einen leuchtenden Türrahmen auftreten, mit Like-, Kommentar- und Teilfunktion (Bühne und Kostüme: Lydia Peters). Dr. Tempesta wischt sogar von unten nach oben wie bei TikTok. Das ist einer der kreativen Kniffe der Inszenierung, sehr zeitgemäß und nah am Publikum.

Max Dollinger steht an einem Rahmen. Darin stehen Michał Prószyński und Julia Sturzlbaum Arm in Arm als Pärchen. Hanna Larissa Naujoks sitzt auf einer Ledercouch rechts und schaut zu.

Der Blogger (Michał Prószyński) zeigt sich mit Partnerin (Julia Sturzlbaum) auf Social Media. Der vermeintliche Dr. Giovanni Tempesta (Max Dollinger) zeigt Klothilde (Hanna Larissa Naujoks), wie sich Menschen online darstellen. Foto: Bettina Stöß

Weniger eingängig ist die Kostümwahl des vierköpfigen Ensembles. Während Dr. Tempesta mit Anzug, Manbun und vor allem der affektiert auf- und abgesetzten Brille noch sehr überzeugend daherkommt, geben die restlichen Kostüme Rätsel auf. Der Künstler trägt ein gemustertes Hemd und Rucksack, die Bloggerin Blümchenbluse mit pinker Cateye-Brille, Absatzschuhe und Tasche wie in einem deutschen Fernsehfilm aus den 2000er-Jahren. Die Krankenschwester in der psychiatrischen Praxis tritt aus unerfindlichen Gründen in gelbem Regenmantel auf. Hier hätte es sich lohnen können, schlüssige moderne Referenzen aufzugreifen.

Sehr schön gelingt wiederum das Bild, wenn Klothilde (vor ihrem Psychiater-Besuch) einen Zen-Guru aufsucht. Max Dollinger schlüpft aus seinem Anzug als Dr. Tempesta in einen orangefarbenen Schal, der sich über die gesamte Bühne spannt. Er steht sinnbildlich für die verworrene Schein-Ideologie, ist der Stoff, der seine Anhänger:innen wortwörtlich an ihn bindet. Positiv fällt auch auf, dass Dollinger als Guru zwar ein Handzeichen beim Verbeugen nutzt, sich dabei aber entschieden nicht an kulturell etablierten Gesten wie Namaste bedient.

Zwischen Schock und Unterhaltung

Ruben Michael geht generell sehr plastisch mit der Oper um. Bei ihm ist alles direkt, im Moment und bodenständig. Anders als in Ute M. Engelhardts Inszenierung in Gießen und Hagen gibt es keine großen Showmomente, keine Liminal Spaces oder Kater, die von übergroßen Wollknäulen erschlagen werden. Stattdessen mimt Julia Sturzlbaum ihren Tod als Kater mit verdrehtem Hals, aufgekratzten Pulsadern und Pistole an der Schläfe. So liefert die Inszenierung einige Schockmomente, die das Ensemble mit beeindruckender Nonchalance und komödiantischem Timing über die Bühne bringt.

Orchestergraben und Sänger:innen sind dabei so eng verzahnt, dass man zeitweilen vergisst, dass überhaupt gesungen wird. Jede Pause, jeder Akzent wird durch das Ensemble auf der Bühne aufgegriffen. Allen voran die Handhupe von Dirigent Masaru Kumakura, die mehrmals aus dem Graben nach oben ragt. Sie ist nur das i-Tüpfelchen der großen Spielfläche, die Komponistin Raquel García-Thomás mit ihrer Musik geschaffen hat. Hier trifft zeitgenössische Musik auf Ragtime und gut gesetzte Zitate aus der Klassik, die Opernfans Freude bereiten: In der vierten Szene erklingt Wagners Tristan-Akkord, zwischendurch gibt es Chopins Trauermarsch und dann taucht in einer Szene sogar Mimí aus Pucchinis „La Bohème“ auf.

Klingt verrückt? Ist es auch. Am Ende entpuppt sich der vermeintliche Dr. Giovanni Tempesta sogar als Hochstapler. Er ist eigentlich gar kein Doktor, sondern selbst Patient in der Praxis, hat den eigentlichen Tempesta für ein paar Stunden weggesperrt. So steht letztendlich ein enttarnter Max Dollinger nur noch in Unterwäsche auf der Bühne. Das ist an sich ein starkes Bild, da er den Charakter des Dr. Tempesta gänzlich mit dem Anzug ablegt. Ob er wirklich vor dem Publikum blankziehen und seinen Hintern mitsamt „Ich“-Steißbeintattoo entblößen musste, ist wohl eine Humor-Frage, die jeder mit sich selbst ausmachen muss.