Foto: Szene aus „Die wunderbaren Jahre” an der Semperoper Dresden. © Sebastian Hoppe
Text:Thilo Sauer, am 19. Oktober 2026
Ein Jahr nach der Uraufführung in Regensburg wird die Kammeroper „Die wunderbaren Jahre“ von Torsten Rasch zum zweiten Mal inszeniert. Grundlage ist der gleichnamige Prosaband von Reiner Kunze über jugendliches Leben in der repressiven DDR. Ein starkes Thema auf dem Spielplan der Dresdner Semperoper, doch die Inszenierung bleibt blass.
Das Pionier-Lied „Uns‘re Heimat“ ist auf seine Weise besonders: Im Osten Deutschlands, in der DDR und danach, gehörte es zu den meistgesungenen Volksliedern. Die Melodie sorgt bei vielen Menschen immer noch für Gänsehaut – nicht unbedingt auf schlechte Weise – auch wenn man dem Text die 50er-Jahre deutlich anmerkt. Es sollte die Jugend auf eine Vision einschwören und prägte Generationen.
Das Lied steht am Anfang der Kammeroper „Die wunderbaren Jahre“ von Torsten Rasch mit Texten aus dem gleichnamigen Prosaband von Reiner Kunze. Aus den Lautsprechern ist ein Kinderchor zu hören. Nacheinander setzen auf der Bühne auch die Sopranistin und Mezzosopranistin ein. Das Kammerorchester aus Streichern, wenigen Holzbläsern und Akkordeon begleitet sie. Die Musik ist nah an der Melodie, aber auch geprägt von spannungsreichen Akkorden, irgendwie scharfkantig – es ist eben mehr als ein Kinderlied.
Wie als Rahmen steht die Melodie auch am Ende des Werks. Doch jetzt singen sie nicht mehr den Text von Herbert Keller, sondern nutzen eine Rede von Erich Honecker zum IX. Parteitag: „Dem Nachwuchs der Arbeiterklasse gehört stets die Fürsorge und Aufmerksamkeit der Partei“. Ein Mädchen mit lose hochgebundenen Haaren und orangen Over-Ear-Kopfhörern, eher Karikatur als Abbild der gegenwärtigen Jugend, steht zwischen den Singenden und hält sich die Ohren zu. Ein mögliches Sinnbild für den Umgang mit der Geschichte, den diese Produktion allerdings nicht ändern kann.

Die Schauspielerin Alexandra Sagurna verkörpert immer wieder den Autor. Foto: Sebastian Hoppe
Ein außergewöhnliches Stück DDR-Literatur
Reiner Kunze nimmt ein besonderes Stück Erinnerung in der DDR-Geschichte ein. In erster Linie schrieb er Gedichte, die bei der SED bereits für Unmut sorgten. In den 1970er-Jahren schrieb er mehrere Prosa-Texte, die er in die BRD schmuggelte, wo sie im Verlag S.Fischer als „Die wunderbaren Jahre“ erschienen. Es sind kurze Texte über Kinder mit Kriegsspielzeug, von Jugendlichen, die in der Schule zurechtgewiesen werden, von Studierenden, deren Gitarre von der Polizei beschlagnahmt werden. In der DDR war das Buch verboten, doch die Texte kursierten in Kopien und Abschriften unter Jugendlichen. Sie fanden sich und ihr Lebensgefühl hinter dem Eisernen Vorhang wieder. Auch der Komponist Torsten Rasch war einer dieser Jugendlichen, der sich bei einer Konzertreise mit dem Dresdner Kreuzchor eine Ausgabe besorgen konnte.
Für seine Bühnenadaption hat er wenige Texte aus dem ersten Teil des Buches ausgewählt, die sich besonders um das Aufwachsen drehen. Dabei folgt er einer eigenen Dramaturgie, in der sich die Gewalt steigert, bis zum Tod eines Jugendlichen nach einem Fluchtversuch. Ergänzt werden diese Texte von Volksliedern, die die träumerische und melancholische Stimmung einer Jugend transportieren sollen. Die Musik bleibt auch hier spannungsreich. Rasch orientiert sich an der Spätromantik und ist offen für die Moderne.
Museumsstimmung in Dresden
Regisseurin Nora Bussenius und ihr Team haben ihre Fassung in Dresden um weitere Texte erweitert: andere Gedichte von Kunze, Interview-Passagen nach der Ausreise des Dichters und Auszüge aus der Stasi-Akte. Die Inszenierung rahmt die Texte so als ein historisches Dokument.
Das wird auch durch das Bühnenbild gestützt: Im Zentrum der breiten Bühne in der Nebenspielstätte Semper Zwei steht eine Glasvitrine. Die Spielenden legen darin immer wieder andere Objekte wie ein Halstuch, eine Nickelbrille oder schlussendlich eine Ausgabe von „Die wunderbaren Jahre“. Links davon befindet sich ein Kohlehaufen, rechts hinter einem mit Gräsern bewachsenen Steg steht ein Tisch mit Telefon und Schreibmaschine. Die bestimmenden Farben sind ahistorisch Orange und Grau, die sich auch in den Kostümen wiederfinden. Immer wieder werfen sich der Sänger, die zwei Sängerinnen und die Sprecherin Mäntel über, die von Orange nach Grau übergehen, am Rücken sind die Federstrukturen angedeutet – sie sind wie Engel, die anders als bei Benjamin in die Geschichte eintauchen.

Die Bühne in der Semper Zwei erinnert an einen Museumsraum. Foto: Sebastian Hoppe
Gestenreiche Inszenierung
Regisseurin Nora Bussenius führt ihr Ensemble mit Bedacht über die Bühne, jede Bewegung scheint genau zu sitzen. Das Ensemble der Semperoper überzeugt durch klaren Gesang und klares Spiel. Bass William Socolof füllt jede Geste mit Gefühl, etwa wenn er erst einen Polizisten mit Schlagstock spielt, dann die Mütze abnimmt und leicht knickt, als würde er sich selbst ärgern, dass er so gehandelt hat. Dalia Medovnikov schafft es als Kind in jedem Alter zu überzeugen, genau das richtige Maß an Jugendlichkeit an den Tag zu legen. Mezzosopranistin Christina Baader spielt weniger, aber legt umso mehr Gefühl in die Volkslied-Weisen. Christian Balz hat das Projektorchester gut in der Hand, das die assoziative Musik punktgenau intoniert.

Sopranistin Dalia Medovnikov überzeugt als Jugendliche in „Die wunderbaren Jahre” nach Reiner Kunze. Foto: Sebastian Hoppe
Oper voller Distanz
Leider entwickelt die Dresdner Inszenierung keinen Sog. Die Episoden werden aneinandergereiht. Kurz nachdem sich die Spielenden in eine Szene hineingeworfen haben, steigen sie auch wieder aus, ohne dass sich etwas geändert hat. Die ganze Wucht von Kunzes Buch kommt schon wegen der kleinen Auswahl an Texten aus dem Sammelband kaum zum Tragen.
Die Semperoper beweist Mut, wenn sie dieses Stück auf den Spielplan setzt: In Gesamtdeutschland wird diese historische Phase immer noch nicht gut aufgearbeitet, es gibt viele Vorwürfe und Verunglimpfungen, wenig Anerkennung. Im Osten reagiert man teilweise mit Verklärung, mit einem auch berechtigten „Es war nicht alles schlecht!“ und die extreme Rechte instrumentalisiert diese Gefühle. Die Schattenseiten herauszustellen, kann da helfen. Doch auf der Bühne in Dresden wird die Tragweite dieser Schattenseiten zu wenig deutlich.