„Der Hase mit den Bernsteinaugen“ an der Oper Leipzig. Ein Mann in der Mitte hält eine kleine Hasenfigur hoch. Links neben ihm steht eine Frau und rechts ein Mann.

Alle Figuren im Schrank

Thomas Zaufke: Der Hase mit den Bernsteinaugen

Theater:Oper Leipzig, Premiere:17.10.2026 (DE)Autor(in) der Vorlage:Edmund de WaalRegie:Henry Mason Musikalische Leitung:Michael Nündel

Auf den Spuren der jüdischen Familiengeschichte: In der Deutschen Erstaufführung „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ von Thomas Zaufke an der Oper Leipzig stimmt in der Inszenierung Henry Masons sowohl die musikalische, gesangliche wie textliche Qualität.

Auch wenn der Titel etwas putzig und fern klingt: „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ ist zwar eine kleine japanische Figur unter vielen in einer Sammlung dieser sogenannten Netsuke. Aber es ist auch der Titel des Musicals, nach dem gleichnamigen Roman von Edmund de Waal, das 2019 in Linz uraufgeführt und jetzt in der Musikalischen Komödie Leipzig als Deutsche Erstaufführung gefeiert wurde. Wobei die lange Pause zwischen diesen beiden Premieren keineswegs am Werk selbst liegt, sondern vor allem an dem Sand, den Corona ins Theatergetriebe geworfen hat.

In dem Musical des Komponisten Thomas Zaufke zum Text von Henry Mason geht es nur am Rande, quasi als poetisches Leitmotiv, um diese Figur. Eigentlich ist es eine jüdische Familiensaga über mehrere Generationen, vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Als Orientierungshilfe fürs Publikum gibt es auf dem Vorhang und im Programmheft einen Familienstammbaum mit den Gesichtern der Leipziger Interpreten und den Lebensdaten der durchweg realen Vorbilder für die Protagonisten.

Authentische Geschichte

Die Geschichte beginnt damit, dass der titelgebende Hase als eine von 264 ähnlichen Figuren samt Vitrine als Erbstück seines in Tokio verstorbenen Onkels Iggie in London bei Edmund und seiner Familie ankommt. Dort mischt dieses Riesenpaket alsbald den (normal) stressigen Alltag seiner Familie, mit Frau Sue und den drei Kindern, auf, weil es etwas in Edmund auslöst. Eigentlich hat den Keramiker die Geschichte seiner einst reichen jüdischen Familie (mit dem Palais Ephrussi an der Wiener Ringstraße!) bis dahin nie wirklich interessiert. Aber er fängt Feuer, und macht sich (Familienpflichten hin oder her) daran, nach genau dieser Geschichte der Familie vor Ort (das heißt auch in Paris, Wien oder Tokio) nachzuspüren, sie aufzuschreiben und ein Buch daraus zu machen. So wird nicht nur der reale Autor der Vorlage selbst zu einer Figur in dem auf seinem Buch basierenden Musical und bürgt für die Authentizität der Geschichte. Er hat offensichtlich auch Henry Mason zu einem Libretto inspiriert, dessen Niveau deutlich über dem der üblichen Meterware der Branche liegt. Der Text trifft das jeweilige Milieu, in dem sich die Akteure bewegen, passgenau, macht deutlich, aber überzeichnet nicht, hält Spannung und sorgt für Anteilnahme. Er bewältigt vor allem auch das, was beim Schicksal einer jüdischen Familie an Fallhöhe unvermeidlich ist.

Der Erzähler wird zum Akteur

Es erweist sich als ein genialer Trick, den Erzähler zum Akteur zu machen, der mit seinen Vorfahren den Dialog sucht. Fragen stellt, in einem Fall von seiner Großmutter Emmy auch abgewiesen wird. Dass die fabelhafte Olivia Delauré vom regieführenden Textbuchautor Mason und seinem Ausstatter Jan Meier an die berühmte Adele Bloch-Bauer, ihr Klimt Porträt und dessen Geschichte, erinnert, ist sicher kein Zufall. Sie ist denn auch eine der schillerndsten Figuren des Abends. Samt Affären und dem auffällig blonde Nachzüglersohn Rudolf. Grandios in ihrem tiefen Fall, nachdem die Nazis der Familie ihren Besitz und ihre Heimat Wien genommen haben und sie 1938 Selbstmord begeht. Im Stück verweigert sie Edmund eine Antwort auf das Warum. Auch ihr Mann Victor, eigentlich der Schöngeist, dann aber wider Willen zum Banker geworden, stirbt 1945 einsam im englischen Exil.

„Der Hase mit den Bernsteinaugen“ an der Oper Leipzig . Ein Gestapooffizier stoppt Viktor von Ephrussi und Emmy von Ephrussy für eine Ausweiskontrolle.

Ein Gestapooffizier (Jeffery Krueger) stoppt Viktor von Ephrussi (Rob Pelzer) und Emmy von Ephrussy (Olivia Delauré) für eine Ausweiskontrolle. Foto: Tom Schulze

So wie die Inszenierung das Pariser Künstlermilieu, das Victors Cousin Charles (Jannik Harneit) einst großzügig förderte, um dennoch von notorischen Antisemiten verachtet zu werden, üppig mit der damaligen Maler-Prominenz ausstattet, so stilsicher ist auf der anderen Seite auch die Machtübernahme der Nazis in Wien in Szene gesetzt. Hier hatte der berüchtigte Bürgermeister Karl Lueger, dem Ausbruch des Judenhasses noch unter Kaiser Franz Josef den Weg bereitet. Nach dem brüllend bejubelten „Anschluss“ Österreichs bricht der Nazi-Mob mit einem Gewaltexzess unter der Hakenkreuzfahne in das Palais der Ephrussis ein, randaliert und zwingt Victor auf die Knie. So wie die Nazis die Juden, die das Pflaster putzen mussten und wie ihnen Alfred Hrdlicka vor der Albertina in Wien ein Denkmal gesetzt hat. Dazwischen: der fassungslose Edmund und der trällernde, zynische Antisemit mit Zylinder und Frack aus dem Paris von ehedem. Das ist so klug gebaut wie wirkungsvoll umgesetzt.

Emotionales Crescendo

Überhaupt erzählt die ganze Inszenierung durchweg stilsicher mit einem emotionalen Crescendo eine Geschichte im kleinen Familiären zu Ende, die im Großen nicht zu Ende ist. Es ist beklemmend, wie Edmunds Mutter Elisabeth (Nora Lentner) als Anwältin mit imponierendem Kampfgeist, erst ihr Studium gegen den Willen der Mutter durchsetzt, dann die Eltern ins Exil rettet und schließlich, nach dem Krieg, vergeblich, um die Rückgabe des zwangsweise „verkauften“ Eigentums kämpft.

Die Sammlung der japanischen Figuren, die einst der Kunstmäzen Charles angelegt, dann seinem Cousin Victor zur Hochzeit geschenkt hatte und die vom treuen Dienstmädchen Anna (Manja Stein) vor den Nazis gerettet, und schließlich von Edmunds Großonkel Iggie (Michael Raschle als alte und Benjamin Sommerfeld als junge Version) zusammen mit dessen japanischen Lebenspartner in Tokio gehütet wurde, kommt am Ende bei Edmund in London an. Ein Happyend? Zumindest eins für die Sammlung. Nicht nur wegen seines Gegenstandes und der Qualität des Textes, auch musikalisch ist dieses Musical ein Volltreffer. Der Ton passt immer genau zu Zeit, Ort und Milieu, reist mit, ist emotional ohne sich anzubiedern. Michael Nündel, das hauseigene Orchester und die mit vielen Gästen aufgestockte großartige Crew werden immer wieder zwischendurch und am Ende völlig zu Recht bejubelt!