Die in jeder „Elektra“ untrügliche Probe aufs Exempel, die emotionale Wucht, mit der sich der heimgekehrte Orest (mit dunkler Würde: Mikhail Petrenko) zu erkennen gibt, die besteht diese Inszenierung freilich. Aber wen soll es auch nicht anrühren, wenn sich da das Personal in die Arme fällt und der alte Pfleger des Orest kein geringerer als Franz Mazura (89) ist (bei dessen Präsenz es auf die paar Worte, die er singt, wirklich nicht ankommt) und der alte Diener Cheréaus einstiger Bayreuther Wotan Donald McIntyre (78)! Dazu noch Renate Behle als Vertraute. Ein derartiger Festspielluxus muss anrühren! Und er rührt an! Dass Tom Randall als Aegisth da nicht nur von diesem alten Diener auf offener Bühne erstochen wird, sondern auch vorher fast untergeht und die Mägde es schwer haben, sich zu profilieren, ist der Preis, den so etwas halt hat.
Cheréaus Dauerbühnenbildner Richard Peduzzi hat die Bühne wieder mit seinen typischen, Scala-kompatiblen Peduzzi-Wänden gefüllt. Diesmal geformt zu einem archaischen Innenhof mit großem Tor links, einer Eingangsalkoven in Muschelform in der Mitte, einer Treppe, zwei Opfersteinen und einer Bodenklappe für das Mörderbeil. Was nicht originell ist, aber vor allem der Elektra genügend Entfaltungsspielraum lässt. Caroline de Vivaise steckt Elektra in einen Antilook mit Hose und Trägershirt, macht ihre Schwester und die Mägde zu grauen Mäusen, verpasst der Königin ein dunkles Upperclass-Outfit und tendiert mit den Kostümen für die Männern zu Gegenwartszivil von heute.
Dass Chéreau Orest den Rachemord an Klytämnestra (und den des Dieners an Aegisth) auf offener Bühne ausführen lässt, wirkt freilich nicht schlüssiger, als der berühmte Schrei hinter der Bühne. Im Gegenteil. Dass Orest dann wie verstört durch das geöffnete Tor vom Ort des Grauens flieht, an dem Elektra nach ekstatisch zuckendem Jubel verharrt, ist immerhin eine Möglichkeit. Esa-Pekka Salonen am Pult des Orchestre de Paris musste als einziger auch etliche Buhs einstecken. Er war tatsächlich allzu massiv, füllte mehr den Raum zwischen den wuchtigen Wänden auf der Bühne, als das er analytisch in die Tragik der Figuren hinein zu lauschen versuchte, um die es Cheréau und seinen wunderbaren Protagonisten wohl in erster Linie ging.
