Bühnenbildner Dieter Richter baute die Szenen als Fassaden-Sortiment. Der mächtige Dom (mit praktischer Chor-Tribüne vor der Tür) hat den gleichen Grundriss wie das niedergebrannte Heim des Juden und später die Folterkammer. Während im Palast der Luxus durch lichte Vorhänge weht, gruppiert sich beim Pessachfest die jüdische Gemeinde am langen Tisch wie zwölf Apostel um Eléazar. Er ist der gnadenlos fromme Mann, der über den Zorn seines Gottes, den er mit Gebetsschal zur Rache aufruft, genau so manipulativ verfügen will wie es an anderer Stelle der Kardinal mit kombiniertem Todes- und Gnadenbefehl auch tut. Dazu könnte der Opernregie einiges einfallen. Aber Gabriele Rech hält Assoziationen auf kleinster Flamme. Sie zeigt Eléazar (Luca Lombardo singt die schwierige Partie souverän, bleibt als Charakter aber blass) wie eine entfernte Shylock-Ahnung, die den geistlichen Konzilspräsidenten und wirklichen Vater der „Jüdin“ (Nicolai Karnolsky spaziert auf Dauer-Audienz durch die Turbulenzen) in lebenslange Qual stürzen will. Am Ende hat niemand etwas gelernt. Die Tochter ist aus Prinzip hingerichtet, die beiden liebenden „Väter“ stürzen, während der Vorhang fällt, aufeinander in ihre letzte Rauferei.
Gerauft wird auch vorher, es kündigt sich immer dadurch an, dass die Herren ihr Sakko ablegen. Der Höhepunkt von Pogromstimmung passiert am kalten Büffet, wo die bessere Gesellschaft als Ausdruck größten Unmuts mit Plastiktellern wirft. Titelheldin Rachel, von Leah Gordon mit etwas Mühe und viel technischem Können in die explosive Dramatik gestemmt, ist das Kraftwerk schroff wechselnder Emotionen. Uwe Stickert als Reichsfürst, der sich in Liebe und Konvention verstrickt und dem Stück plötzlich abhanden kommt, singt die anspruchsvollen tenoralen Schnörkel weitaus subtiler als er die Schablonen-Figur spielt. Die mondäne Prinzessin von Banu Böke, auch stimmlich an Grenzen, ist geradezu ein Modell für konventionelle Posen-Regie.
Dirigent Guido Johannes Rumstadt, in den letzten Jahren der Nürnberger Fachmann für die Grand opéra, geht vorsichtig, manchmal geradezu akademisch um mit den Effekten, aus denen Fromental Halévy seine Oper baute. Er tüftelt und setzt Akzente wie mit der Pinzette, lässt den Sängern viel Entfaltungsmöglichkeit. Die Fassung, nach der Produktions-Premiere in Nizza für Nürnberg noch einmal geändert, ist auf die Spieldauer von zweimal 80 Minuten gekürzt, kann aber trotz dieser Konzentration den Eindruck einer Nummern-Girlande nicht aufheben. Rumstadt gelingt es, die Vielfalt der Kompositionsteile vorzuführen, aber für den kulminierenden Eindruck eines ins Ungeheuerliche horchenden Klangs fehlt ihm einfach der Druck einer weniger illustrierenden als interpretierenden Inszenierung.
Nach Peter Konwitschnys Inszenierung in Mannheim und vor Calixto Bieitos Zugriff bei den Münchner Opernfestspielen 2016 hätte man Gabriele Rech in Nürnberg eine kraftvolle Alternative im aktuellen Comeback-Tableau zugetraut. Leider hat sie die Herausforderung nicht angenommen.
