Foto: Mozart Requiem am Staatstheater Augsburg in der Ausweichstätte Martini-choreografiert von Park Peter Chu © Jan Pieter Fuhr
Text:Vesna Mlakar, am 2. Februar 2026
Mit seiner dritten Arbeit für das Staatstheater Augsburg verwandelt Gastchoreograf Peter Chu Mozarts Requiem in ein eindringliches Tanztheatererlebnis. Im Ausweichquartier Martini-Park verschmelzen Bewegung, Chor und Orchester zu einer ebenso ernsthaften wie berührenden Inszenierung – entstanden unter dem Druck eines weiteren Augsburger Sanierungsfalls.
Tradition ist keine Einbahnstraße. Stets nur in eine Richtung weitergedacht, wird sie irgendwann zur Sackgasse. Doch zum Glück gibt es Tanzschaffende, die einen guten Riecher für neue Impulse haben. Zweimal bereits hat Ballettchef Ricardo Fernando den US-Amerikaner Peter Chu als Gastchoreografen nach Augsburg geholt. Vor sieben Jahren war „your FACE“ Bestandteil des Mehrteilers „Dimensions of Dance. Part 2“.
Während der Pandemie folgte 2021 der Kammerballettabend „Moving“. Nun – in seiner dritten Kreation für das Staatstheater Augsburg – gelingt dem vielfach ausgezeichneten Tänzer und Choreografen eine schier beglückende, visuell sogkräftige und überaus ernsthafte szenische Interpretation von Mozarts letztem Werk, dem unvollendet gebliebenen „Requiem“.

Gastchoreograf Peter Chus „Mozart-Requiem“ am Staatstheater Augsburg. Foto: Jan Pieter Fuhr
Bewegung im Dialog mit Klang und Text
Dabei verbindet sich Chus klare, durch Elemente des chinesischen Tai Chi und Qigong angereicherte Bewegungssprache erstmals mit oratorischer Musik. In kurzen Soli, Duetten, Trios, Quartetten und Gruppen nimmt sie deren dramatische Dynamik und Rhythmik auf. Szene für Szene schwingt die Energie des körperlichen Ausdrucks der Tänzerinnen und Tänzer in Einklang mit den auf der Bühne in die Bewegungsabläufe integrierten Chorsängern und vier Gesangssolisten.
Chus fließendes Vokabular reibt oder stößt sich weder an den gesungenen, auf Deutsch zum Mitlesen übertitelten lateinischen Texten der Totenmesse noch bebildert es diese. Lediglich bei wenigen Sequenzen lassen sich konkrete Schlüsse ziehen beziehungsweise direkte inhaltliche Verbindungen zwischen Gestik und Worten herstellen.
Fast selbstverständlich verschmilzt der Tanz mit Mozarts Klangwelt, deren posthume Aufführbarkeit bekanntermaßen den Ergänzungen des Mozart-Schülers Franz Xaver Süßmayr zu verdanken ist. Wegen der besonderen Akustik im Martini-Park ist Ivan Demidov, musikalischer Leiter des Abends, in den Teilen „Sanctus“ und „Hostias“ auf die „lichtere“ Instrumentierung des Komponisten Michael Ostrzyga ausgewichen.

Der Sänger Avtandil Kaspeli in „Mozart-Requiem“. Foto: Jan Pieter Fuhr
Alle Blechbläser spielen auf schlanker klingenden Naturinstrumenten, was eine zusätzliche spieltechnischeHerausforderung für die Orchestermitglieder bedeutet. Last not least ergänzen ein Vorspiel und zusätzliche Zwischenmusik des portugiesischen Komponisten André Barros (vom Band) den akustischen Kosmos dieser nachhaltig faszinierenden und poetisch-berührenden Produktion, die wirklich anderes verdient hat als zum Nebenschauplatz eines weiteren fatalen Augsburger Sanierungsfalls zu werden.
Kunst unter Druck
Der Schock hinter den Kulissen sitzt tief. Zum einen ist ein Abschluss der schleppend-langwierigen Stammhaus-Sanierung des Staatstheaters Augsburg auch nach bald zehn Jahren nicht in Sicht, zum anderen wurde das findige und kreativ stets risikobereite künstlerische Leitungsteam um André Bücker mitten in den Endproben zum spartenübergreifenden Großprojekt „Mozart-Requiem“ von einer neuen Schreckensnachricht erschüttert: Die Stadt Augsburg muss ab sofort – statt wie geplant erst ab 2027 – ihre Freilichtbühne am Roten Tor komplett sperren, nachdem eine Prüfung des Hochbauamts ergeben hat, dass die statische Sicherheit der Zuschauertribüne nicht mehr gewährleistet werden kann. Und das bei bereits laufendem Vorverkauf für die alljährlichen Sommerhauptevents des Staatstheaters…!
In die Gemüter schlägt dies ein wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel. Beschäftigte, Gewerke, Sparten, Künstler – alle sind betroffen. Zugleich hat man sich im Sinne eines „jetzt erst recht“ bei der gemeinsamen Probenarbeit befeuert gefühlt, der Trauer, dem Verlust, Loslassen und der Transformation in Mozarts sakralem Hauptwerk szenisch höchst intensiv und dabei ganz handlungsoffen Gestalt zu verleihen.
Manch einem im Team mag es da – sei es aus Bestürzung, aus Frust, aus Beklemmung oder hinsichtlich künftiger künstlerischer Einschränkungen – glatt die Schuhe ausgezogen haben. Dass in Peter Chus wunderbar durchchoreografiertem „Mozart-Requiem“ den Tänzerinnen und Tänzern als Alternative zu den Socken braune Halbschuhe dienen, um ab und an tapsig-markant in breitbeinigen Schrittfolgen den Raum zu durchqueren, mag da Zufall sein.
Kreisläufe von Leben, Verlust und Erneuerung
Flugs wieder von den Füßen gezogen werden die Alltagstreter wiederholt umfunktioniert, an den Händen getragen, fallen gelassen und abgestellt oder achtlos herumliegend zum assoziationstauglichen Requisit für – beispielsweise – den vom Choreografen immer wieder ins Spiel gebrachten Übergang vom Leben in den Tod. Chu – in New York geboren und katholisch erzogen – verfolgt in seiner Auseinandersetzung mit Mozarts Komposition über viele mitfühlende Momente hinweg die Idee des Lebens als Kreislauf: Geburt, Wachstum, Vergehen und Erneuerung.
Davon erzählen insbesondere Giulia Finardi und Thomas Krähenbühl – ein Tänzerpaar, das dem Publikum schon vor der Aufführung im Foyer ganz nahe kommt und bis zum Schluss das choreografisch alles miteinander verbindende Glied der Inszenierung bleibt.

„Mozart-Requiem“ von Peter Chu. Foto: Jan Pieter Fuhr
Wer ohne die Zuversicht zu verlieren, weiterhin optimistisch Theaterwunder realisieren will, braucht neben einem dicken Nervenkostüm und Durchhaltevermögen eine in ihren Grundfesten nicht zerstörbare Überzeugung – wie Intendant Bücker selbst sagt: „Die Bauten sind das eine, Theater das andere.“ In Augsburg hat man das schon oft bewiesen. Peter Chus zeitgenössischer Ballettabend tut es im Ausweichquartier Martini-Park jetzt einmal mehr – eingebettet in ein toll auf das Stück zugeschnittenes Dekor mit innen quasi nüchternen Betonwänden und hinter einer Glasfront einem der Natur überlassenen Außenbereich (Bühne: Felix Weinold).
Das 18-köpfige Tanzensemble, großer Chor, vier sogar zu Hebefiguren bereite Gesangssolisten – Jihyun Cecilia Lee (Sopran), Natalya Boeva (Alt), Yury Makhrov (Tenor), Avtandil Kaspeli (Bass) – und die einfühlsam vom ersten Kapellmeister Ivan Demidov dirigierten Augsburger Philharmoniker fusionieren im magischen Licht von Marco Vitale und Imme Kachels erdfarbigen Kostümen am Ende tatsächlich zu einem außergewöhnlichen Gesamterlebnis.
Alles ist im Flow bei dieser Uraufführung. Sie beginnt ganz intim schon draußen im Hauptfoyer direkt nach derEinführung. Dort klingt der Abend mit Projektionen von Zitaten unterschiedlichster Epochen und Autoren – vermutlich von vielen übersehen – auch aus. Seine Ansprache bei der Premierenfeier beendet Ballettdirektor Ricardo Fernando mit der augenzwinkernden Aufforderung „Fight for tickets!“. Zu Recht. Wenngleich es für alle Vorstellungen dieses jüngsten Coups noch wenige Restkarten gibt. Tanztheater in Augsburg – so André Bücker – ist eben eine „Erfolgsmaschinerie“.