Darsteller und Regie zelebrieren prachtvoll diesen Kindergeburtstagsrealismus. Nur ganz dezent in Äußerlichkeiten wird die Bedeutungsebene des Abends angerissen. Die Kinderdarsteller tragen Erwachsenen-Kleidung, lesen Financial Times, plappern mal englische Worte und veralbern als Playbacksprecher eine von Kindern vorgelesene Debatte mit Karl Marxens Ausführungen zum falschen Bewusstsein. Ganz beiläufige Hinweise auf eine Kindheit, die ja längst nicht mehr den Kindern gehört, sondern zum Fetisch der Erwachsenen geworden ist, die vor dem Fluch des Alterns ihren Kult des Jungseins bis zum Kindischen treiben.
Dieses Phänomen, anderswo gern kritisch bis selbstironisch dargestellt, wird von Marc Becker spektakulös abgefeiert, um es gerade dadurch umso wirkungsmächtiger auszustellen. Denn das äußerst spaßige Infantilitätstheater funktioniert prima als 3-D-Projektionsfläche. Bedeutung erschließt sich eben nicht aus dem, was wie gemacht wird, sondern aus den Peter-Pan-Assoziationen, die von der Bühnensituation als solcher nahe gelegt werden. Wer kennt sie nicht, diese (häufig freiwillig kinderlosen) Flüchtlinge vor dem Erwachsenwerden, deren Über-Ichs einst Infantilität zu überwinden halfen, jetzt selbst infantil geworden sind und nun ebenfalls überwunden werden müssten. Statt dessen „Avanti Infantilitanti“: Leben als ewiger Kindergeburtstag endlos pubertierender Ich-will-Spaß-Greise, als Regression in abgesicherte Verhaltensmuster – erinnert an Tante Milla, für die in Heinrich Bölls Erzählung „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ an jedem Tag der Jahres der seligkeitstrunke, Realität verdrängende Heiligabend inszeniert wird.
