Dies zeigt auch die jüngste Produktion des Mannheimer Nationaltheaters. Wer Enzian und Alpenglühen und Gebirgsfolklore erwartet hatte, der wurde natürlich enttäuscht. Wenn man die eine oder andere Arbeit von Tilman Knabe gesehen hat, so kann man recht schnell einen Regiestil und Interpretationsansatz erkennen, der auf kompromisslose Aktualisierung setzt. Knabe kann durchaus Geschichten erzählen, meist solche, die in unserer Gegenwart verortet sind. Dieser Radikaltransfer gelingt mal mehr, mal weniger überzeugend. Die Mannheimer „Wally“ gehört – ganz anders als zuletzt sein „Don Giovanni“ am Mainzer Staatstheater – zu den besseren Arbeiten Knabes. Und in diesem Fall bekommen wir mit der von Johann Jörg (Bühne) und Katrin Maurer (Kostüme) ausgestatteten Inszenierung auch noch einen Kurs in bundesrepublikanischer Geschichte geliefert, der sich an einen ganz genau definierten Zeitstrahl orientiert.
Das Geschehen startet 1968. Bei Wally zuhause muffelt der Mief von tausend Jahren, die Tochter des guten Hauses protestiert als Blumenmädchen, der Rebell Hagenbach, ihre heimliche Liebe, kommt mit einer Schlägertruppe vorbei und schmiert ein knallrotes „Nazi“ auf das Fenster im Wohnzimmer des alten Stromminger, dessen Mobiliar so original 60er ist wie die hochtoupierten Frisuren der herzigen Hausfrauen, die sich auf dem Geburtstagsfest mal ein bisschen locker machen können. Zum Aktschluss, wenn mit der Arie „Ebben, ne andrò lontano“ das berühmteste Stück erklingt, das Catalani je komponiert hat, tauchen zu Originalvideo-Einspielungen von den Studentenrevolten Doppelgänger-Figuren von Ulrike Meinhof und Andreas Bader auf. Aus der Geier-Wally wird eine Terroristin, die das Patriarchat bekämpfen will.
Nicht ganz. Denn im zweiten Akt, der genau 20 Jahre später, also 1988 spielen soll, hat sie ihre linksradikale Vergangenheit längst vergessen. Sie führt erfolgreich und eiskalt die Wally-AG, nur mit der Liebe haut es nicht so hin, weshalb sie dem eher schmierig daherkommenden Hagenbach auf den Leim geht. Von nun an geht es nur noch bergab. Der dritte Akt, laut Regieanweisung auf dem Vorhang nun nochmals 15 Jahre später, zeigt zwar ein todschickes Büro der Wally-AG-Chefin. Sie selbst aber weint Hagenbach hinterher und säuft sich die Welt schön. Der Mordanschlag auf Hagenbach ist ebenso wie ihre Rettungstat nur eine Alkoholphantasie.
Es geht dann noch weiter abwärts, genau in die Gosse. Eine Begegnung mit Hagenbach findet im Schlussakt nicht mehr statt. Es sind Träumereien einer Pennerin, die sich vage zurückerinnert an vergangenes und verpasstes Glück. Als sie endlich begreift, was aus ihrer Emanzipation, ihrem Freiheitskampf geworden ist, greift sie zum Giftcocktail. Doch graue Männer verhindern dies und schmücken sie wie eine Mater-dolorosa-Karikatur. Im Bühnenhintergrund läuft das Video: „Kampf dem Patriarchat“. Doch die Emanzipationsbewegung ist im Jahr 2012 – denn nochmals neun Jahre später soll der Schlussakt spielen – nicht mehr als eine grotesk überzeichnete Gottesmutter. Darauf muss man dann als „Wally“-Regisseur auch erst einmal kommen.
Als „Wally“-Dirigent sollte man versuchen, möglichst viele Schubladen gleichzeitig zu öffnen. Oder noch besser: alle geschlossen zu halten. Denn auf Catalanis Musik passt so wirklich kein Etikett, ist sie doch von Verdi ebenso wie von Wagner inspiriert, verfolgt sie den Weg zum Musikdrama ebenso wie sie Elemente der naturalistischen Verismo-Oper übernimmt. In Mannheim macht das der Erste Kapellmeister Alois Seidlmeier am Pult eines hochkonzentriert agierenden Nationaltheater-Orchesters phantastisch. Gerade der zweite Akt zeigt dann auch den musikhistorischen Rang, den man Catalani zugestehen muss.
In der Titelpartie agiert Ludmila Slepneva mit großartigem darstellerischem Talent, aber auch mit einer den ganz unterschiedlichen Facetten dieser Partie gewachsenen Stimme. Mal ist sie rotzig-aufbegehrende Göre, dann eiskalte Managerin und schließlich auch verzweifelt Liebende. Auch Roy Cornelius Smith als Hagenbach stellt sich erfolgreich den Anforderungen dieser anspruchsvollen Tenorpartie. Neben dem Chor müssen schließlich noch Sung Ha als Stromminger, Jorge Lagunes als Gellner und vor allem die großartige Tamara Banjesevic als Walter erwähnt werden.
