Familiedrama und Geschichtsstück
Stoppard zeichnet in „Leopoldstadt“ auf geradezu prototypische Weise Aufstieg und Niedergang einer weit verzweigten jüdischen Familie nach. In neun Szenen durchmisst das figurenreiche Gesellschaftspanorama mehrere Jahrzehnte und Generationen, in der Josefstadt kommen dabei im Lauf der dreistündigen Aufführung 34 Personen auf die Bühne – ein bewundernswerter Kraftakt für die Wiener Traditionsbühne. Dennoch geht das ambitionierte Unternehmen nicht ganz auf. Das liegt auch am Stück: Stoppard hat die Familiensaga für ein Publikum verfasst, das überhaupt nicht mit der österreichischen Geschichte vertraut ist. Für ein Wiener Publikum ist sein Schnelldurchlauf durch die Historie leider etwas zu trivial, außerdem wirken die Figuren und ihre Schicksale nicht einzigartig, sondern allzu klischeehaft, geradezu holzschnittartig.
Kraftakt mit Schwächen
Regisseur Janus Kica hält nicht dagegen, sondern bedient und befördert den Modellcharakter der Stückvorlage nachgerade. Das Bühnenbild von Karin Fritz stellt eine großbürgerliche Wiener Altbauwohnung mit Stuck und Flügeltüren nach, auch die Kostüme, ebenfalls von Fritz entworfen, folgen dem Zeitkolorit mit bodenlangen raschelnden Kleidern, steifen Miedern und strengen Steckfrisuren. In diesem eleganten Ambiente entfaltet sich eine in sich stimmige, allerdings etwas antiquiert anmutende Inszenierung, die kaum zu szenischen Höhepunkten aufläuft. „Mein Großvater hat einen Kaftan getragen, mein Vater ist im Zylinder in die Oper gegangen, und ich empfange Sänger zum Abendessen“, sagt der Stofffabrikant Hermann Merz am Stückanfang, bei dem die jüdische Familie ausgerechnet zum Weihnachtsfest des Jahres 1899 zusammentrifft. Der konvertierte Unternehmer wird von Josefstadt-Intendant Herbert Föttinger verkörpert. Es gehört zu den Gepflogenheiten des Theater in der Josefstadt, dass sich die Schauspieler-Direktoren gerne selbst in Paraderollen besetzen, üblicherweise Garant dafür, dass die Vorstellung gut läuft. Föttinger spielt in bewährter Manier, hält das Stück mit kraftvollem, aber wenig nuanciertem Spiel zusammen.
Als Unternehmer, Ärzte und Universitätsprofessoren gehören die Familienmitglieder in „Leopoldstadt“ zur Elite einer assimilierten Gesellschaft, die als Kunstmäzene das Kultur- und Geistesleben der Wiener Jahrhundertwende prägten und finanzierten – und trotzdem nie ganz von der blasierten k.u.k-Gesellschaft akzeptiert wurden. Dieser glorreichen Epoche widmet Stoppard ganze sechs Szenen, die etwas vom flirrenden Flair eines Schnitzler-Textes an sich haben – prickelnde Diskussionen, heimliche Flirts (grandios: Marianne Köstlinger als Feme Fatale Gretl) und ein Beinahe-Duell. Stoppard hat Schnitzler mehrfach ins Englische übersetzt, das merkt man den Dialogen vielleicht etwas zu deutlich an.
Seltsamer Schnelldurchlauf
Danach kommt der Fall ins Bodenlose: Szene sieben zeigt die verarmte Familie im Jahr 1924, Szene acht führt umstandslos in die Novemberpogrome des Jahres 1938, in der Kristallnacht wird die Familie aus ihrer großbürgerlichen Ringstraßen-Wohnung vertrieben. Die Wohnung ist Ort der Handlung, nicht die titelgebende Leopoldstadt, wie der zweite Wiener Gemeindebezirk bezeichnet wird; der Stadtteil ist bis heute das Zentrum der jüdischen Gemeinde in Wien. Mit einem Zeitsprung ins Jahr 1955 und einem eigentümlichen Wiedersehen der letzten drei Überlebenden der Familie endet das Stück als Schnelldurchlauf durch die Shoah. Der ganze Schrecken in wenige Sätze gestopft? 100 Jahre Geschichte in einem atemlosen Rundumschlag? Musste das sein, Tom Stoppard? Bei allen Einwänden, eins muss man „Leopoldstadt“ lassen: Das Stück passt zu Wien wie der Erdäpfelsalat zum Schnitzel.
