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Schauspiel,

Öder Dream

Ulli Lommel: Fucking Liberty!

Theater:Volksbühne am Rosa- Luxemburg-Platz, Premiere:17.01.2013 (UA)Regie:Ulli Lommel

Das Hauptstadt-Feuilleton war aus dem Häuschen: Ulli Lommel ist in der Stadt. Ein alter Knabe in Boots und Cowboyhut, ein Berliner Nachkriegskind aus gutem Hause, das früh schon schwärmte vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, das früh schon (mit 15) anfing als Schauspieler, später zum Star wurde bei Fassbinder („Liebe ist kälter als der Tod“). Und 1977 „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ drehte, einen Film über den Jungsmörder Fritz Haarmann, was eine Einladung zum New Yorker Filmfest brachte sowie die Freundschaft mit Andy Warhol, mit dem er in der „Factory“ gleich zwei Filme machte (Blank Generation“, „Cocaine Cowboys“). Seither lebt er in seinem Sehnsuchtsland, „wo eine Frau wie Marilyn zur Legende geworden war, wo JFK und Elvis waren“. Und wo er bis heute ein Halbhundert Filme produzierte. Und seine aufregende Autobiographie „Zärtlichkeit der Wölfe“ schrieb, in der die vielen Zelebritäten aufmarschieren, mit denen Lommel so oder so zu tun hatte – Jackie O., Callas, Truman Capote, Orson Welles, W.S. Burroughs…

Und nun, mit seinen 68 Jahren, landet Lommel in der Volksbühne, die sich ja gelegentlich gern locker macht für Freaks oder Stars (Ansichtssache), damit die mal im Theater ihr dickes Ding machen können. Angekündigt ist „Fucking Liberty!“ – „500 Jahre Amerika in einer Show“; ein hitziger Ritt durch Lommels Biographie, durch den amerikanischen Mythenfundus aus Politik und Pop und hinein in die Albtraumseite des American Dreams. Der Aufwand an Material und Volksbühnen-Stars ist beträchtlich. Bert Neumann baute auf die Vorbühne eine riesige Mickimaus, hinter deren Grinsmaul die Projektionsfläche für 3-D-Filme steckt. Es gibt die klasse martialische Band „Fucking Famous“, eine Girltruppe mit heftiger Hüft- und Beinarbeit fürs Dancing, einen zappelnden Bernhard Schütz, eine in höchsthackigen Schuhen stöckelnde Kathrin Angerer und einen dekorativ herum stehenden Frank Büttner in schick weißer Marine-Uniform. Und jede Menge extra hergestelltes Kino (3-D-Brille auf!): Historische Szenen aus Bürgerkrieg und Sklaverei („Kopf ab für jeden Gegner“) mit Irm Hermann, Volker Spengler als Orson Welles (ohne eine Silbe Text), viel Andy Warhol (Jeanette Spassova, Lilith Stangenberg) sowie Sophie Rois als Ingeborg Bachmann („Ich bin kein Antrieb für einen Mann, höchstens eine von ihm halluzinierte Oase.“). Und obendrein als philosophierender Truman Capote. Dann die Angerer als Jackie, Marilyn, Callas. Gerade die paar großartig komischen Filmschnipsel mit Angerer und Rois sind die kleinen reinen Freuden der ansonsten – jetzt endlich sei‘s gesagt! – freudlosen Zweistunden-Veranstaltung.

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Da gibt es zwei Dramaturgen und den mit Entertainment und Pop innig vertrauten Autor-Regisseur. Und was dabei herauskommt, ist ein angestrengt lauwarmer bunter Abend wie von US-Austauschschülern. Ist eine Geschwätzigkeit ohne Neuigkeitswert. Ist bissel Kintopp, bissel Musik und Trallala zu Lommels holpernd langatmiger Erklärerei, die eher den „Dream“ feiert als die Kehrseite von Liberty, eben den „Albtraum“ („die Verteidigung der Freiheit kann die Lizenz einschließen, Böses zu tun“). Es sei dahin gestellt, wieviel Amerika-Kritik und wieviel Amerika-Feier dieser Abend bringt; sein Elend ist: Lommel bringt weder richtig Theater noch richtig Show. Wir waren scharf auf eine geistreich coole Amerika-Revue. Stattdessen: Bullshit.