Zur Ouvertüre erscheint hinter dem Gazevorhang Odette (die fabelhafte, sehr athletische Kusha Alexi) schemenhaft, in einen hellen Schleier gehüllt, und wird von drei grau verhüllten „Schatten“ durch die Lüfte getragen. In sich gekehrt tritt der Prinz auf (Ordep Rodriguez Chacon, grandioser Neuzugang von Martin Schläpfers „Ballett am Rhein“). Die resolute Königin (Ayako Kikuchi) hat drei Höflinge im Tross – die vorherigen Schatten; denn später wird sie sich als Rotbart gerieren. Sie präsentiert dem Sohn eine sehr irdische „Verlobte“ (Aidan Gibson), die sich als fremdgesteuerte Verführerin Odile entpuppt. Das sind personelle Doppelungen, die durchaus Sinn geben – sogar zwingend notwendig sind bei einer Truppe von nur 14 Tänzern. Acht davon sind neu engagiert und allesamt klassisch ausgebildet, sodass Breiners „Ballett im Revier“ sehr an technischer Qualität und Homogenität gewonnen hat. Aber insgesamt irritiert die Ambivalenz zwischen gestern und heute, aristokratischer und bürgerlicher Gesellschaft, Märchen und Realität. Breiner, in diesem Jahr für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST in der Kategorie Choreografie nominiert für ihr Aschenputtel-Ballett „Ruß“, hat für „Schwanensee“ noch keine klare Linie gefunden. Sie ist aber jung genug, um sich noch lange mit dem „Ballett aller Ballette“ befassen zu können.
