Chaos und Getrieben-Sein
Woher der Wind weht? In der Choreografie von Hofesh Shechter agiert das Ensemble mit einer beeindruckenden Synchronizität. Es reagiert gemeinsam auf etwas, das auf es hereinstürzt. Nach einem winzigen Augenblick des Ausharrens explodieren die Körper. Sie stemmen sich gegen den „Wind“, finden sich in ihrem Kampf als Gruppe. Gegen das Gefühl, dass das Unglück auf einen herabstürzt, einen lähmt und tiefe Ohnmacht auslöst, formiert sich geballter Widerstand. In „Unluck“ wird dieser Zustand zu einer dynamischen Traumreise. Zu Beginn herrscht Chaos, wild und mit einem heftigen Drive. Das Chaos ordnet sich wieder in geschmeidigen Bewegungen, um erneut auszubrechen.
Neben dem schnellen Drive, in dem sich Getriebenheit ausdrückt, wirkt das Spiel der Hände wie ein Chor der Hilfeflehenden. Da werden die Arme gegen den Himmel gereckt, erinnern gebethaft geformte Hände an einen Gottesdienst oder bekreuzigen sich. Fäuste strecken sich als Zeichen unterdrückter Wut. Hände greifen sich an die Hälse oder bilden im roten Licht (beeindruckendes Lichtdesign: Tom Visser) einen Bogen über die Köpfe. Was Shechter mit dem Ensemble in „Unluck“ vorführt, ist das Bewegungsrepertoire menschlicher Existenz von der Hilflosigkeit der Geworfenheit, über die Wut bis hin zur gläubigen Annahme des Schicksals. Shechter hat dazu eine Musik komponiert, die stark rhythmisiert ist, mit dumpfen Bässen und mit einer gewissen Monotonie, die Meditatives ausstrahlt.

„Unluck. Any way the wind blows“ von Hofesh Shechter am Theaterhaus Stuttgart. Foto: Jeanette Bak
Der Harlekin des Glücks
In „Luck“ agiert das Ensemble in den Einheitskostümen von Rémi van Bochove: gestreifte Röcke, schwarze, zugeknöpfte Blusen und blaue Kragenschleifen. Auch Aszure Barton bleibt in ihrer Choreografie der Existenzphilosophie verbunden: Glück ist kein Dauerzustand, sondern dem Zufall des Augenblicks überlassen, den man festhalten möchte. Deshalb entwickelt Barton mit dem Ensemble ein ungeheures Tempo.
Als Ausgangspunkt setzt sie dabei die Erinnerung an den Harlekin: Stefano Gallelli – mit einem schwarzweiß karierten Kniestrumpf – tanzt mit dem Ensemble harlekinhafte Bewegungsformen. Etwas Schwebendes entsteht dabei im Raum. Trotz des starken Tempos gelingt es Barton immer wieder, Situationen zu schaffen, in denen das Ensemble synchron zu einem gemeinsamen Atem kommt. Das sind wunderbare Augenblicke, die von einer mitreißenden Leichtigkeit sind. Unterstützt auch durch eine Musikauswahl, die mit ihren metallischen Tönen und Groove die Bewegungen bestimmt (Musikauswahl: Aszure Barton).

„Luck“ von Aszure Barton am Theaterhaus Stuttgart. Foto: Jeanette Bak
Was am stärksten an diesem Abend überzeugt ist das Ensemble, das nicht nur über eine souveräne Synchronität, sondern bei dem auch das Vertrauen spürbar wird: Man verlässt sich aufeinander. Ein grandioser Abend. Standing Ovations.
