Wenn nicht die Musik wäre. GMD Kazem Abdullah hat sich für die fünfaktige, sogenannte Modena-Fassung entschieden, die letzte von Verdi autorisierte. Im Orchestergraben ereignet sich das, was auf der Bühne fehlt: groß gedachtes Theater. Abdullah lässt die komplexe Architektur des „Don Carlo“ aus dem einzelnen Detail entstehen. Dabei wird er nie pointilistisch, sondern entwickelt, zumal im letzten Akt, einen ungeheuren, dramatischen Sog. Der Dirigent hat offenbar mit den Sängern intensiv an der Phrasierung gefeilt. Und er lässt transparent musizieren. Die wilden Kapriolen von Verdis wohl avanciertester Orchesterpartitur waren selten so klar zu hören. Die schreienden Flöten kurz vor Posas Tod, die wechselnden Begleitinstrumente, die Elisabettas Riesenarie zur spannenden Psychostudie machen, sind nur zwei Beispiele. Chor und Orchester folgen ihrem GMD mit Begeisterung. Man möchte fast von Liebe sprechen.
Und Aachen hat, vielleicht die größte Überraschung des Abends, bis zu den Flandrischen Deputierten hinunter ein Ensemble, das diesem Riesenstück gewachsen ist – und zwei herausragende Sängerdarsteller. Wong-jo Choi führt seinen mächtig ausladenden Bass subtil und bruchlos. Nach Filippos großer Arie ist es tatsächlich einen Moment lang still auf der Premiere. Und Andrea Shins entspannt geführter, leicht verhangen timbrierter Tenor ist ideal für die Titelfigur, deren ständiger Leidensdruck bei ihm nie larmoyant wirkt, sondern tatsächlich berührt.
Wenn jetzt noch auf der Bühne etwas gewagt worden wäre…
