Die Szenen dieses historischen Prozesses spielen in der Mitte der Thalia-Bühne von Michael Köpke; drum herum haben Grünewald und Ndjavera ein vielgestaltiges Raumprojekt realisiert. An fast zwanzig Orten wird das Publikum mit Information und Atmosphäre versorgt; immer nur für fünf Minuten, von einem historischen Herero-Horn jeweils zum Weiterwandern gerufen, driftet jeder und jede auf einem anderen Parcours durch diesen Raum der Welten: vom Kindergarten zum Friseur, vom Baum- und Ästehaus ins Wüstenzelt und weiter an den Stammtisch der Farmer, in die gruselige Finsternis der Waterberg-Schlacht vom 11. August 1904 (in dem die Herero vernichtet wurden) wie unter Virtual-Reality-Brillen und in die Begegnung mit jungen namibischen Frauen von heute. Und überall ist Geschichte mit Händen und Sinnen zu greifen: Tod und Ausbeutung, Vergewaltigung und Folter. Auch die speziell hamburgischen Kaufleute geraten ins Visier, die, die ihren Schnitt machten bei der Kolonisierung in Namibia.
Zwei starke Stunden sind das. Und gerade weil speziell die westdeutsche Politik die unauflösbare Schuld der eigenen kolonialen Tätergeschichte erst so elend spät angenommen hat, wird diese namibisch-deutsche Begegnung mit den Mitteln des Theaters zum herausragenden Ereignis.
Schon seit geraumer Zeit aber geben sich die „Lessingtage“ ja nicht mehr zufrieden mit außergewöhnlichem Theater – die Bühne gehört zur Eröffnung stets prominenten Rednerinnen und Rednern. Jetzt meldete sich Vananda Shiva zu Wort, Trägerin des alternativen Nobelpreises, Physikerin und Initiatorin einer in Indien enorm einflussreichen Bewegung für die Bewahrung traditionellen Saatgutes und gegen die Patent-Strategien der global agierenden Unternehmen auf diesem für die Welternährung so immens wichtigen Feld. Shivas flammender Appell für die Wertschätzung natürlicher Ressourcen und gegen die neue Kolonialisierung durch die Industrien markierte die Richtung des Festivals, das zwar wie immer unter dem Lessing-Motto „Um alles in der Welt“ steht, diesmal aber auch genauer und konkreter fragt: „Wem gehört die Welt? Who owns the world?“
Viele Antworten wird es geben, im Theater und darüber hinaus; und keine wird uns richtig zufrieden stellen.
