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Nachdenken und Vorspielen

Nach Carolin Emcke: Gegen den Hass

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Schauspiel Köln
Regie: Thomas Jonigk   Foto: Thoams Aurin 
Von Detlev Baur am 22.09.2019

Die Publizistin Carolin Emcke hat in ihrem Essay „Gegen den Hass“ im Jahr 2016 präzise die psychosozialen Bedingungen für sich ausbreitenden, offenen Hass in unserer Gesellschaft beschrieben. Der zwischen journalistischer Beobachtung und soziologischer Analyse pendelnde Text hat einen klaren argumentativen roten Faden und ist daher an sich gar nicht dramatisch-dialogisch ausgelegt. Aber er beschreibt zentrale Konflikte in der Gesellschaft, verfolgt den Weg von Verunsicherung und Angst zu Sicherheit vermittelnden Frontstellungen, deren Folge Hass und Gewalt sind; dabei beschreibt er auch konkrete, medial vermittelte Beispiele wie die Hassattacken auf einen Bus mit Geflüchteten im sächsischen Clausnitz. Und passt insofern zu einem politisch wachen und dokumentarisch geprägten Gegenwartstheater. Aber wie soll aus dieser Textvorlage über eine szenische Lesung hinaus Schauspiel entstehen?

Der Schriftsteller und Regisseur Thomas Jonigk hat in seiner Inszenierung im Depot 2 des Schauspiels Köln den Essay abgesehen von romantisch-deutschen Liedtexten mit keinerlei weiteren Textzugaben dramatisch frisiert. Und doch gelingen ihm und dem fünfköpfigen Ensemble erstaunlich unterhaltsame und anregende knapp zwei Stunden, die Emckes Überlegungen auf die Bühne übersetzen und somit zwischen Konkretisierung und assoziativen Anspielungen auch emotional begreifbar machen. Lisa Däßler hat ein breite weiße Wand gebaut, die sich mal weiter nach vorne verschiebt, mal in den Hintergrund bewegt wird und immer wieder Türöffnungen freigibt. Zunächst scheint der Schauplatz eine Pathologie zu sein, zwei Herren tragen Anzugshose, Hemd und darüber eine Plastikschürze, dazu weiße Pflegerschuhe (Kostüme: Esther Geremus). Eine nackte Männerleiche (Justus Maier) wird hereingeschoben, bald beginnt die Kollegin (Kristin Steffen) der beiden (Stefko Hanushevksky, Jörg Ratjen) im Angesicht der Leiche emotional über Ausgrenzung und Hass zu sprechen. Die Männer ergänzen, sachlicher oder verwirrt, ihre Äußerungen; die Leiche springt bald auf, unbemerkt von der Pflegerin.

Mit Bildern wie dem halbherzig betreuten Toten, der sich dann wie ein Kaspar Hauser aufmacht ins konfliktträchtige Leben, gelingt es „Gegen den Hass“ in Köln Bilder dem Text gegenüber zu stellen und ihn so sinnlich zu erweitern. Die durchweg überzeugenden Darsteller – später komplettiert Julius Ferdinand Brauer, zunächst als Fremdheit verkörpernder Schimpanse das Quintett – spielen wechselnde Rollen, etablieren dabei immer offene, aber verortbare Situationen. Sie sind nicht in eindeutige Täter- oder Opferrollen gedrängt und doch mit den konkreten Folgen der Hassgesellschaft verbunden. Dabei versuchen sie in Emckes gedanklicher Nachfolge die Wege des Hasses nachzuvollziehen; (diese Art des Rollenspiels bewegt sich nah an der Inszenierung von Textflächen etwa von Elfriede Jelinek.) Beim zweiten intensiver ausgespielten Fall, dem Video über den durch sinnlose Polizeigewalt herbeigeführten Tod des farbigen US-Bürgers Eric Garner wandelt sich der Raum in eine Galerie, drei verwischt-verfremdete gerahmte Fotos des Falles sind zu sehen, werden betrachtet, kommentiert; dazwischen ist kurz ein großes ähnlich bearbeitetes Foto des Kölner Hauptbahnhofs (vermutlich während der Übergriffe an Sylvester vor einigen Jahren zu sehen). Am Ende werden die kritischen, aber letztlich optimistischen Gedanken Emckes über die nie vollendete Demokratie und den Sinn von Diversität und Selbstzweifel szenisch in Zweifel gezogen. Vier vom Sturm gebeutelte, mit Schutzanzügen verkleidete Gestalten hoffen auf die Demokratie, der lebendige Tote schaut zu. Die Inszenierung bietet dem Text nicht nur eine Bühne, sondern stellt ihn auch produktiv in Frage.

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