Foto: Alaaeldin Dyab, Julius Janosch Schulte, Jules* Elting, Luise Zieger © Sandra Then
Text:Martina Jacobi, am 22. November 2025
Am Theater Münster inszeniert Jakob Weiss „Muskeln aus Plastik“ nach Kay Matters gleichnamigem Romandebüt. Die Inszenierung bleibt hinter Weiss‘ Bühne, welche die Vorlage gelungen darstellt, zurück.
„normie, just fuck me / or at least let me fuck you, / please“ heißt es in Kay Matters autofiktionalen Romandebüt „Muskeln aus Plastik“. Dieses Zitat fasst den Inhalt des Buches und ein darin dominierendes Gefühl von Unerreichbarkeit recht gut zusammen. Matter schreibt in „Muskeln aus Plastik“ über Long Covid, über chronische Krankheit, über Transition und ein gleichzeitiges körperliches Verlangen. Dieses Verlangen, Schmerzen und Schwäche prägen die Tage, welche die Hauptfigur Kay minutiös planen muss, um das Nötigste zu schaffen. Und gleichzeitig ist da Zeit. Zeit, die mit Gedanken, Vorstellungen, Wünschen und Hoffnungen gefüllt ist.
Text-Collage
Im Buch hat Matter eine eigene Erzählform gefunden hat, eine Collage aus Realerzählung, Rückblenden oder wissenschaftlichen Erklärungen über beispielsweise Schmerz-Erfahrungen, die in der westlichen Welt als einsame Angelegenheit betrachtet werden. Es geht auch um queeres Verlangen, um Sex-Fantasien, um ein körperliches Begehren, dem sich Krankheit entgegenstellt. Erweitert um viele Fußnoten eröffnet „Muskeln aus Plastik“ die Möglichkeit, tiefer in diverse Themen-Gebiete einzutauchen – und daraus liest sich auch immer wieder feiner Humor. Die Lese-Erfahrung des Buches fühlt sich schon selbst an wie eine schmerzliche Meditation.

Jules* Elting, Julius Janosch Schulte, Luise Zieger, Alaaeldin Dyab. Foto: Sandra Then
In Jakob Weiss‘ Inszenierung am Theater Münster wechseln sich die Darsteller:innen Alaaeldin Dyab, Jules* Elting, Julius Janosch Schulte und Luise Zieger in allen Rollen ab, ändern dazu ab und zu ein paar Teile des Kostüms (Elena Gaus): Kay, Kays Flirt Aron, die mentale Stütze Ilay, die karikierte Therapeutin oder der Chirurg mit gruselig roten Handschuhen… Durch den Wechsel steht der Text im Mittelpunkt, der ohne Buch-Vorkenntnis aber dennoch eine Herausforderung darstellen dürfte. Gleichzeitig bietet sich so niemanden aus dem Ensemble die Gelegenheit, hervorzustechen. Dyab, Elting, Schulte und Zieger werfen sich die Text-Bausteine hin und her, unterbrochen wird die Inszenierung immer wieder von Musik-Einschüben.
Schmerzlich-taube Körpererfahrung
Mit dem Raum ist Weiss die Gestaltung eines Gefühls gelungen. Die Bühne verbildlicht schmerzlich-taube Körpererfahrungen: Der Boden ist voller Kissen, verführerisch weich und abpuffernd. Doch kommt die Inszenierung nicht über Kay Matters feine Verschränkung von Trans-Identität, Long-Covid und chronischer Erkrankung in der Buchvorlage hinaus. So hangelt sich der Abend entlang am Textgerüst und zeigt dazu eine dumpf isolierte Einsamkeits-Insel, um die herum das Publikum auf drei Podien sitzt.
Wenn die Darsteller:innen sich auf dem instalierten Hochbett fläzen, oder zwischen den Kissen herumsteigen, oft auch vom Rand der Bühne aus sprechen, wirkt die Inszenierung im Ganzen leider oft statisch und eher wie eine Momentaufnahme als wie ein erzählender Theaterabend. Die Bühne prägt sich ein, der dichte Inhalt nicht so sehr.