Regisseur Markus Heinzelmann will in Nürnberg (wo es Turrini lebenslang bisher nur auf drei Premieren, aber vor gut 40 Jahren immerhin auf die Uraufführung „Die Wirtin“ brachte) viel mehr als das kleine Ringelspiel mit Spott und Seufzern. Er hat sich offenbar vorgenommen, im Geiste der Filmstudio-Dramaturgie von Katie Mitchell den schmalen Theater-Text in die andere Welt der Video-Bruderschaft umzuleiten. Die Bühne von Gregor Wickert dient dieser Ästhetik vorbehaltlos, indem sie zwischen Möblierungs-Andeutungen sichere Plätze schafft für Kamera-Stationen und Kabelsalat-Beilage. Über versenkbaren Spielkabinen sieht der Zuschauer auf großer Leinwand die Original-Szene aus anderer Perspektive oder in ausgeschnittenen Nahaufnahmen zusätzlich nochmal, kann sogar ihre Manipulation durch Überblendung oder Vertonung im Detail miterleben. Aber anders als bei Mitchell, wo die vorgeführte Zersplitterung des Dramas den neuen Blick aufs Ganze trainiert, sieht man bei Heinzelmann vorrangig die von der empfindsamen Brüchigkeit des Textes völlig losgelöste Lust auf Technik. Die mehr vom Inszenierungs-Stil als durch die Dialoge geforderten Schauspieler schieben Kulissenwände und bringen fleißig Kameras in Anschlag, das Publikum wird zur Wanderschaft durch den Livestream-Blickfang eingeladen. Zu erleben ist diese von komplizierten Handgriffen im Halbdunkel gelenkte Szenen-Entwicklung, die das Geschehen zwangsläufig entschleunigt und den Sketch-Wirbel so zur unfreiwilligen Elegie macht, immer wieder als großspuriger Anlauf zum kleinen Sprung ins Theatralische. Turrinis eigenwillig schlichter Stil, vielen Fragen demonstrativ keine Antwort und den Mosaiksteinchen keine Bild-Vollendung zu gönnen, der ja auch als Provokation verstanden werden könnte, verläppert wirkungslos im elektronischen Rundschlag.
Am Ende hat der liebe Gott (der samtstimmige Jochen Kuhl macht Winkewinke) ein paar lebenserhaltende Hauch-Proben spendiert und zwei Kinder teilen sich nun in der offenbar wieder heilen, in Keimfreiheit erblühten Welt einen Apfel. Zurück zu paradiesischen Zuständen? Diesmal verführt jedenfalls der Junge das Mädchen zum Obst, eine Schlange ist nicht in Sicht, also hat wenigstens die Theologie was zu knabbern an diesem Nürnberger Turrini-Missverständnis.
