Foto: Adrian Linke in der Anfagsszene von „Farbe“ © Matthias Stutte
Text:Andreas Falentin, am 21. Februar 2026
Mikheil Charkviani hat am Theater Krefeld Mönchengladbach mit „Farbe“ eine Stückentwicklung geschaffen, die auf dokumentarischem Material aus der jüngsten georgischen Geschichte basiert. Bemerkenswert daran ist vor allem das ausgezeichnete Schauspielensemble.
Mikheil Charkviani stammt aus Georgien, übersetzte Fassbinder, Böll und Strindberg und inszeniert selbst seit 2012, vor allem in Georgien. 2025 war „Antigone“ seine erste Inszenierung in Deutschland am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. „Farbe“ basiert auf zehn sich überlappenden Geschichten oder Bildern, die wiederum aus gesammeltem Dokumentarmaterial aus der jüngsten politischen Geschichte Georgiens entwickelt sind. Charkviani interpretiert diese oder bläst sie satirisch auf: Ereignisse wie das Farbenattentat auf den Wahlleiter der offensichtlich manipulierten Wahl 2024 oder das Verbot der Drogenbehandlung 2025, das Tausende Menschen von einer stabilen medizinischen Versorgung abschnitt. Also geschichtliche Sachverhalte, die in Deutschland nicht sehr bekannt sind und auch in „Farbe“ nicht weiter erklärt werden.
Das führt zu einem Netz aus Symbolen, Metaphern und Bezügen, die nicht immer dechiffrierbar sind. Zumal „Farbe“ im engeren Sinne kein Theaterstück ist, sondern eher Material für eine Performance mit starken Bildern und monologischem Sprechen. Antriebskraft ist die Wut des Autors – im Spiel der Schauspieler:innen fühlbar, sichtbar wie die sprichwörtliche Fliege im Bernstein: im Sarkasmus von Esther Keil, in der Erschöpfung von Nicolas Schwarzbürger, in den eleganten Satzketten von Kristina Gorjanowa oder im starken Schweigen von Adrian Linke.
Individuum und Masse
Die Bühne des Studios des Theaters Mönchengladbach ist zu Beginn fast leer und weiß ausgeschlagen (Bühne und Kostüme: Till Kuhnert). Nur vorne links steht eine Bank ohne Lehne, darauf eine Büste. Daneben liegen, sauber gefaltet, ein weißes Hemd und ein schwarzes Sakko. Davor ein Paar Schuhe. Daneben steht ein Mikrofon. Adrian Linke kommt mit nacktem Oberkörper auf die Bühne. Er tritt ans Mikrofon, spricht aber nicht. Er setzt sich, zieht Hemd, Sakko und Schuhe an, dann tritt er wieder ans Mikrofon und spricht. Jetzt ist er jemand, ein Individuum. Doch wie wird man das? Oder ist man es immer? Welche Macht, welchen Einfluss hat man? Und wie kann man diese Macht nutzen? Diese Fragen stellt Adrian Linke mit seiner Ouvertüre.
Während er redet, überquert hinter ihm Esther Keil die Bühne und trägt eine Kaffeetasse vor sich her, die zittert, ein Bild von Unsicherheit. Dann kommt Nicolas Schwarzbürger von der anderen Seite und nagelt sein Unterhemd mit einem Akkuschrauber an die Wand. Er nimmt die Tasse und spritzt schwarze Farbe auf Esther Keil. Der erste Schmutz trifft das blütenweiße Bühnenbild. Und nun kommt Kristina Gorjanowa und hält einen langen Monolog über das Putzen.
Putzen und die Terrakotta-Armee
Dieses „Putzen“ wird zu einem Leitmotiv. Weil die Menschen nicht bemerken, so Charkviani, wie ihre Sichtweise, ihr Mitgefühl, ihre Individualität weggewischt werden, wie sie eine Diktatur so in die soziale Isolation treibt. Wenn alles „sauber“ ist, verschwindet auch der Zusammenhalt. Ein anderes Motiv ist die Terrakotta-Armee, die 1974 in China ausgegraben wurde: eine Masse von vielen Tausend Figuren, die von über 700.000 Arbeitern über 40 Jahre hinweg im 3. Jahrhundert vor Christus für ein Kaisergrab hergestellt wurden. Diese Masse sieht der Autor offensichtlich als Metapher für eine Kraft, die man nicht besiegen kann – eine Masse als Bild für passiven Widerstand sozusagen.
Diese Bilder lassen Raum für Interpretation, ebenso wie die distanzschaffende elektronische Musik von Erekle Getsadze. Man ist ständig auf der Suche nach Gedankenverbindungen, nach einer Sichtbarmachung eines konkreten Themas oder Erzählfadens. Vermutlich geht es um passiven Widerstand. Das legt das Programmheft nahe. Aber deutlich findet sich nur ein ex negativo: die Solidarität – sie fehlt in diesem Theaterkosmos.
Dafür gibt es großartige, auch sehr gut geführte Schauspieler:innen, die diesem Abend viel Leben geben. Etwa in der großen Szene in der Mitte des 100-minütigen Abends, als Gorjanowa, Keil und Schwarzbürger in einer Art Staffel ihr eigenes Leben erzählen, kombiniert mit politischen Ereignissen. Oder wenn Esther Keil den Schlager „Am schönsten ist es zu Hause“ von Elfi Graf singt – mit beißender Ironie und am Ende im Duett mit Adrian Linke: als ein Sich-Abschließen des Individuums vor der Welt. Am Ende schweigt Linke, die Terrakotta-Armee wird auf der Bühne sichtbar, und er reiht sich ein – als Teil der schweigenden Mehrheit. Besser als nichts? Ich weiß es nicht.