Das Ensemble steht verteilt auf der Bühne und schaut sich an. Im Hintergrund sind Steine aufgestapelt.

Demokratie aus Blut entstanden

Maxi Obexer: Die Töchter der Orestie

Theater:Landestheater Tübingen, Premiere:14.02.2026 (UA)Vorlage:Die OrestieAutor(in) der Vorlage:AischylosRegie:Annika Schäfer

Am Landestheater Tübingen inszeniert Annika Schäfer die Uraufführung von Maxi Obexers „Die Töchter der Orestie“. Auf der Grundlage von Aischylos‘ „Orestie“ schafft das Stück Räume für gegenwärtige Diskussionen rund um Demokratie, Selbstbestimmung und politische Teilhabe.

Demokratie wagen – das ist gegenwärtig ein geläufiger Slogan. Einst, vor bald 3000 Jahren, gründete Athene mit der Versöhnung der rachgierigen Gestalten aus der Unterwelt und der Freisprechung des Orest in Athen die Demokratie. So erzählt es der Mythos und so erzählt es Aischylos in seiner „Orestie“. Es durften nur Männer abstimmen, die ins Patt gerieten, so dass die Stimme Athenes den Ausschlag gab: Orest war damit von der Ermordung seiner Mutter freigesprochen und konnte sein Erbe in Mykenä antreten.

In „Die Töchter der Orestie“ tritt die Göttin Athene auf einer roten Stoffbahn aus dem Publikum auf. Auf der Bühne von Swantje Silber steht im Hintergrund ein Podest aus Stein mit ein paar Stufen. Davor sind drei Steinhaufen, geordnet wie Gräber. In den Raum hinein ragen drei nach vorn gewölbte, schmale Tücher, auf denen am Anfang weiße Wolken am blauen Himmel ziehen. Später werden Spruchbänder projiziert, wie z. B. „Guilty of Everything“, „This will not end well“ oder „Can you believe this?“, ein Zitat von Nancy Pelosi bei dem Sturm auf das Kapitol 2021. Von diesem werden auch Bilder eingespielt. Die Regie von Annika Schäfer und die Metaphern im Text der Autorin Maxi Obexer stellen deutlich heraus, dass hier keine längst erledigte Geschichte verhandelt wird, sondern eine sehr gegenwärtige.

Antike mit Zitaten der Gegenwart

Mit einem Riesenkrach steigen die Toten aus den Steingräbern: die vierjährige Iphi (Iphigenie), Kassandra und Klytaimnestra, die sich anklagend gegen die Göttin stellt und gegen die Tochter Elektra, die einzige Lebende in dieser Figuration. Was die Toten fordern, ist eine Revision des Urteils der Athene, das für einige tausend Jahre das Patriarchat zementiert. Was Maxi Obexer in ihrer Auftragsarbeit für das LTT Tübingen entwickelt, ist ein rasanter Diskurs durch die Demokratiegeschichte. Über Kriegslügen schon in der Antike (und erst recht heute), über Femizide und das sinnlose Töten als Behauptung von Männlichkeit und Macht. Eingeflochten sind Zitate von Hannah Arendt, mehr noch aus den Übersetzungen der „Orestie“ von Walter Jens und Peter Stein, die in der Aufführung sichtbar gemacht werden. Sie zeigen, wie in der „Orestie“ das männliche Moment dominiert.

Jennifer Kornprobst (Kassandra) und Susanne Weckerle (Klytaimnestra) stehen sich gegenüber.

Kassandra (Jennifer Kornprobst) und Klytaimnestra (Susanne Weckerle) im Konflikt. Foto: Martin Sigmund

Überzeugendes Ensemble

Athene und Klytaimnestra beherrschen die „Argumentatio“ der politischen Rhetorik perfekt. Die Athene von Sabine Weithöner, ganz in Orange gehüllt (Kostüme: Swantje Silber), nähert sich ihrem Podest schwankend. Sichtbar hat sie der Prozess, der nur einen Tag vorher stattgefunden hat, mitgenommen. Sie bemüht sich um statuarische Contenance, wird aber wiederum von der Vehemenz der Anklagen überrascht. Dabei spielt Susanne Weckerle als Klytaimnestra diese aus einer Ruhe heraus. Nur wenn es um Elektra geht, wird sie laut und wütend.

Elektra wird von Robi Tissi Graf als aufmüpfige junge Frau angelegt, schnell in ihren Attacken. Aber dann doch, als all die Fakten offengelegt sind, die sich hinter dem Trojanischen Krieg verbergen, wird sie nachdenklich, entdeckt, wofür es für sie in der Gesellschaft zu kämpfen gilt. Iphi hingegen, mit überdimensionaler Perücke und rosa Kleidchen, prunkt in der Darstellung von Emma Stratmann mit einem breiten Lächeln und regelmäßigem Rülpsen: Sie war am längsten im Grab eingesperrt. Dennoch spielt Stratmann diese Figur nicht naiv, sondern greift massiv in der Auseinandersetzung mit Elektra ein.

Eine Doppelrolle hat Jennifer Kornprobst. Einerseits spielt sie die Kassandra, der, als sie noch am Leben war, niemand ihre Prophezeiungen glaubte. In einem zerfetzten, antikisierenden Kostüm mit einer Plastikmaske über dem Kopf wirkt sie zurückhaltend. Erst als sie die Vergeblichkeit ihrer Liebe zu Klytaimnestra – da fällt auch die Maske – gesteht, bekommt sie sanfte Töne. Zugleich begleitet Jennifer Kornprobst diese Produktion musikalisch. Sie schafft – vor allen Dingen mit Akkordeon, aber auch mit anderen Instrumenten – eine emotionale, leise Stimmung. Da liegt Melancholie in der Luft, vor allen Dingen mit den Songs von Michelle Gurevich oder Kae Tempest, die nicht nur sie, sondern auch das Ensemble vortragen.

Intensive Gefühle

Aller Diskursivität des Themas zum Trotz herrscht in dieser Inszenierung eine starke Emotionalität. Die Diskurse verlaufen dabei auf unterschiedlichen Ebenen: Sie ist in der Art, wie die Argumente vorgetragen werden, verborgen, wie in den Figurenbeziehungen. Sie wird auch sinnfällig, wenn die Regie von Annika Schäfer das Ensemble mit den Steinen (aus Styropor) spielen lässt, mal drohend, mal als Angebot. Am Ende sammelt das Ensemble mit großen Netzen Steine ein – als Sinnbild für einen Neuanfang. Dass am Ende das Publikum zum Nachdenken über Demokratie aufgerufen wird, wirkt ein wenig wie Volkshochschule.

„Die Töchter der Orestie“ machen deutlich, wie aktuell die griechischen Tragödien geblieben sind. Athene bleibt bei Obexer in einer diffusen Schwebe: Sie preist Orest als den ersten Menschen an, der mündig wird und als tragisches Individuum in die Geschichte eingeht. Da sind die Toten anderer Meinung.