In „Antropka“ anthrópos (Altgriechisch), der Mensch, aber der Begriff des Menschlichen ist hier sehr eng gefasst. Die KI beispielsweise mit ihrer angenehmen Stimme ist ein Bewusstsein ohne Körper. Sie lenkt und kontrolliert hier alles, natürlich unsichtbar. Die sechs Besatzungsmitglieder der Antropka sind ausschließlich weiblich. Sie haben genügend eingefrorene männliche Embryonen dabei, die ihnen irgendwann eingepflanzt werden und für den Erhalt der Spezies Mensch sorgen sollen. „Wir waren viele, jetzt sind wir wenige, wir werden wieder viele sein“, ist das Mantra, das die Sechs sich vorbeten. Es kommt erwartungsgemäß zu einigen Konflikten, aber interessanter als der Plot ist an diesem aufwändig erarbeiteten Abend das, was wir Zuschauer inmitten der Geschehnisse erleben (Bühnenkonzeption und -programmierung: Markus Wagner).
Virtuelle Wirklichkeiten
Die 3D-Brillen versetzen uns in eine andere, eben virtuelle Realität. Assistenten achten peinlich darauf, dass wir die Brillen richtig aufsetzen und nichts verpassen. Während die konfliktreiche Handlung um uns herum weiterläuft, erblicken wir, blind für uns selbst, vorprogrammierte, seltsame, teilweise Schwindel erregende Szenen. Wir sehen viele Tiere, Rehe, Schweine, Kaninchen, überlebensgroße Spinnen, fliegende Fische. Die Antropka scheint auch so etwas wie eine Weltraumarche Noah zu sein. Es kommt zu einem Zwischenfall. Mit der Außenhülle stimmt etwas nicht, wir müssen das Raumschiff verlassen. Die Tür öffnet sich, wir befinden uns in der Galaxie. Wir sehen Sterne, viele Sterne. Das verwundert nicht, aber der visuelle Eindruck ist trotzdem imponierend. Wir fühlen uns selbst seltsam körperlos, auch ein wenig ausgeliefert. Die KI, die uns beschützen sollte, hat ein Problem und programmiert sich selbst neu, wie wir erfahren. Wird das gutgehen?
„Utopie“ ist die aktuelle „Spielzeit-Insel“ des Theaters an der Ruhr überschrieben. Utopie ist ein wertneutraler Begriff, es geht dabei nicht unbedingt um etwas Neues, Schönes, sondern generell um etwas, das es (noch) nicht gibt. Was es im Jahr 2025 noch nicht gibt, ist beispielsweise ein bruchloses, unkontrollierbares Ineinanderfließen physischer und simulierter Existenzen. „Die VR-Technologie“, heißt es auf dem Programmzettel, „wird, genau wie das Internet, mit ziemlicher Sicherheit zu ebenso schrecklichen wie wunderbaren Dingen führen.“ Mit dieser Perspektive macht uns der besondere Abend in Mülheim schon einmal bekannt.
