Die Handlung von „Clockwork Orange“ wird im Schnelldurchgang auf drehender Bühne abgehandelt. Schmidt-Rahmer verweigert jede Ästhetisierung von Gewalt, wie sie Stanley Kubrick – und auch Frank Castrof in seiner Bühnenfassung vor zehn Jahren an der Berliner Volksbühne – vorgeworfen wurde. Es wäre auch kaum möglich, noch eine richtig schockierende Wirkung zu erzielen, da die meisten Besucher genau darauf warten. Schmidt-Rahmer orientiert sich an Michael Hanekes Film „Funny Games“, nimmt jedes Tempo aus der Aufführung, zeigt die Gewalt gegen ein Paar völlig kalt, emotionslos, spröde. Es ist nicht möglich, daraus einen Spannungskitzel zu ziehen. Schmidt-Rahmer nimmt es in Kauf, dass die Aufführung zwischendurch zusammen bricht, die Energie entweicht, sich Langeweile einstellt. Eben das ist sinnvoll, das Prügeln, Foltern, Vergewaltigen ist einfach nur öde, dreckig, unangenehm. Und daraus entwickelt sich die Kernfrage der Aufführung: Wäre es nicht besser, wenn es möglich ist, das, was ihn uns lügt, hurt, stiehlt und mordet einfach weg zu operieren?
Zumindest in Ansätzen sind wir wieder bei „Clockwork Orange“, wo der jugendliche Totschläger Alex einer Gehirnwäsche unterzogen wird. Das geschieht nun auf der Bühne mit den heutigen Mitteln der Hirnchirurgie, die Tom Gerber mit zynischer Ruhe erläutert. Heraus kommen geläuterte Droogs, die studieren und Familien gründen wollen und am Klavier „Imagine“ von John Lennon spielen. Hier spielt Schmidt-Rahmer auf Ira Levins mehrfach verfilmtes Buch „Die Frauen von Stepford“ an, in dem sich perfekte Ehefrauen als von Männern programmierte Roboter entpuppen. Zwei Horrorvisionen treten in Konkurrenz. Immer wieder sprechen die Schauspieler das Publikum direkt an: Welche Scheußlichkeit hätten Sie denn gern?
Hermann Schmidt Rahmers „Clockwork Orange“ ist enorm komplexes, anspruchsvolles Theater. Wie immer bei diesem Regisseur sind die Schauspieler grandios, stets auf Hirnhöhe mit dem verhandelten Thema, voll bei der Sache. Wie schon in seiner herausragenden Düsseldorfer Inszenierung von Elfriede Jelineks „Rechnitz“ setzt Schmidt-Rahmer am Schluss ganz auf die aufwühlende Wirkung des Wortes. Alex und seine Droogs treffen sich als alte Leute wieder, tragen Masken vor den Gesichtern, sprechen mit Stimmverzerrern. Sie erzählen völlig gefühllos von Machetenmassakern, die sie als Totschläger begangen haben, wahrscheinlich irgendwo in Afrika, wo die Weltöffentlichkeit nicht hinschaut. Und es entstehen viel schlimmere Bilder im Kopf als Filme jemals liefern können.
