Dass Thomas Walker sich hochsouverän durch diverse Hilfsmittel vor aller Augen selbst als Frau ausstaffiert, ohne auch nur ein anatomisches Detail auszulassen (bei Bieito geht es nicht ohne nackte Tatsachen oder zumindest den Griff dorthin), und dann hochhackig Bein zeigt und als eleganter, selbstbewusster Transvestit Platée dem Ulk aller anderen Paroli bietet, ist allerdings auch die eine offene Flanke der Inszenierung. Wenn Juno kurz vor dem Ja-Wort bei der Pseudohochzeit ihres Mannes wie geplant aufkreuzt, den Braut-Schleier (hier die Damenhaarperücke) weg zieht und die Hässlichkeit (hier das eigentliche männliche Geschlecht) enthüllt wird, ist Jupiter in diesem Fall vom Verdacht des Fremdgehens freigesprochen und Juno für den Moment von ihrer Eifersucht kuriert. Die Lacher gehen auf Kosten Platées. Eigentlich entlarvt sich aber die Gesellschaft, die hier ihr Spiel mit dem Transvestiten getrieben hat. Bei Bieito bringt diese Enthüllung aber nicht die mögliche Fallhöhe, sondern höchstens ein Stolpern. Der Verzicht auf den drastischen Wechsel vom Komischen zum Tragischen ist Bieitos Preis, den er für seine große Show zahlt. Die bietet beim Warten auf den Eklat als Schmankerl den koloraturgespickten und stilparodierenden Auftritt der Torheit, La Folie. Daraus macht Ana Durlovski macht daraus die grandiose Parodie einer heruntergekommenen Rockröhre, die sich kaum auf den Beinen halten kann, ihre E-Gitarre (auch mal kurz hörbar) als Waffe einsetzt und dann doch mit abgedrehtem Höhenzauber fasziniert und dem exzellenten, spielfreudigen Ensemble die vokale Krone aufsetzt. Imponierend ist auch das Staatsopernorchester bei dem eine Dosis barocker Nachhilfe und ein so inspirierender Dirigent wie der barockversierte Brite Christian Curnyn genügten, um sich auf die Höhen eines konkurrenzfähigen Barocksounds mit französischem Esprit aufzuschwingen.
Bei der einzigen hausfremden Inszenierung der ersten Spielzeit unter Jossi Wieler überraschte allenfalls Calixto Bieito mit seiner witzig frivolen Eleganz. Ihre musikalische und szenische Qualität – vom Ensemble über den spielfreudigen Chor bis zum Orchester – fügt sich bruchlos ein und trägt dazu bei, dass Stuttgart wieder zum interessantesten Opernhaus Deutschlands geworden ist.
