ein astrologisches Gebilde, darunter auf der Bühne Darsteller:innen verkleidet als Wissenschaftler:innen

Unendliche Weiten

Julia Kerr: Der Chronoplan

Theater:Staatstheater Mainz, Premiere:24.01.2026Regie:Lorenzo FioroniMusikalische Leitung:Gabriel Venzago

Julia Kerrs „Chronoplan“ ist eine zeitgemäße, scharfe Gesellschaftssatire. Am Staatstheater Mainz inszeniert Lorenzo Fioroni die Oper als referenzgespickten Mix. Staatsorchester, Chor und Ensemble tragen die Produktion. 

Es gibt künstlerische Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, die so eindringlich sind, dass sie intensiver nachhallen als jeder noch so detaillierte historische Bericht. Sebastian Haffners Memoir „Geschichte eines Deutschen“ ist dafür ein Beispiel. Sachlich aber mit der Eleganz eines erfahrenen Journalisten beschreibt er darin unter anderem die gesellschaftlichen Veränderungen der Weimarer Republik bis zur Machtergreifung durch die Nazis. Seine Schilderungen sind dermaßen plastisch, beinahe greifbar, dass es einem kalt den Rücken hinunterläuft. Vor allem wen man sie im aktuellen politischen Klima liest. Als Mahnung an die Zerbrechlichkeit der Demokratie mit einem emphatischen Appell an die Kraft des Einzelnen gegen Totalitarismus hat es gerade heute nichts an Brisanz verloren.

Ein solches Werk könnte Julia Kerrs Oper „Chronoplan” ebenfalls werden: Als Zeitoper ist sie ebenfalls ein Zeitdokument, das mit künstlerischen Mitteln historische Realitäten spürbar zu machen vermag. Nur fragmentarisch erhalten wurde es nun in rekonstruierter Fassung (Norbert Biermann) am Staatstheater Mainz erstmals aufgeführt. Das Libretto stammt von Alfred Kerr, Gatte der Komponistin und scharfzüngiger wie prägender Theaterkritiker seiner Zeit, der mit satirischem Witz und abgründigem Humor dem Zeitgeist der späten 1920er Jahre nachspürt. Darin treffen sich fiktive Varianten berühmter Intellektueller (unter anderem Richard Strauss, Max Liebermann, Gerhard Hauptmann) die die Kerrs zum Teil tatsächlich selbst kannten, in Albert Einsteins Salon.

Eklektische Leitmotivik

Dieser lädt sie zu einer Zeitreise in seiner neuesten Erfindung, dem Chronoplan, ein. Doch sie verfehlen ihr Ziel – die Lebenszeit der heiligen Johanna – und landen stattdessen in der Romantik eines Lord Byron. Dessen „Unter-Ich“ nehmen sie mit ‚zurück in die Zukunft‘, die sich allerdings in ihrer Abwesenheit in eine selbstzerstörerische Dystopie verwandelt hat, die ihren eigenen Untergang heraufbeschwört. Diese stilisierte  Verknüpfung von Romantik und Faschismus irritiert kurz, liegt doch aber eigentlich durch die Vereinnahmung romantischer Ideen durch die Nazis nahe. Ein konsequenter Eklektizismus zieht sich durch das Stück wie das auf der Bühne liegende rote Seil der Zeit.

Julia Kerr ist als Komponistin eindeutig Spiegel ihrer Zeit: impulsive Klänge die an Krenek, Weill, Schreker und Co. erinnern, treffen auf eine musikalische Spätromantik und doch hat Kerr ihre ganz  eigene Musiksprache. Deutlich fürs Theater erdacht entwickelt sie neben intensiven Spannungsbögen eine Art eklektische Leitmotivik, in der sie Personen, Stimmungen und Situationen verschiedene Stilistiken zuordnet und so Struktur in diese Vielfalt bringt. Das Zusammenspiel aus Text und Musik ist stets eng, dicht und sehr kurzweilig.

im Vordergrund grün verkleidete Aliens, dahinter das Ensemble

Tim Lukas Reuter, Margarita Vilsone, Daniel Schliewa, Maurice Avitabile, Alexander Spemann, Statisterie. Foto: Andreas Etter

Sich daran orientierend entwickeln Regie (Lorenzo Fioroni) und Ausstattung (Bühne: Paul Zoller, Katharina Wegmann, Kostüme: Annette Braun) einen ebenso referenzgespickten Mix, der zwischen „Star Trek“-Science-Fiction, dem Ulk von Teletubbie-Oompaloompas und den Roaring 20s eines „Babylon Berlin“ changiert. In weiten Teilen vermag es die szenische Gestaltung, den abgründig-humorigen Geist des Stückes aufzugreifen und ihm eine Form zu geben. Wie das Stück selbst zerfasert auch die Regie etwas, je näher man sich dem Ende nähert. Doch wie angenehm, dass hier nicht alles auf logozentrisches Verstehen ausgerichtet ist, sondern der ver-rückten Fantasie der Kerrs auch szenisch gefolgt wird.

Science-Fiction und scharfe Gesellschaftssatire

Das philharmonische Staatsorchester Mainz, dirigiert von Gabriel Venzago, macht so viel Freude, weil es keinen einzigen der vielen musikalischen Effekte liegenlässt. Die ausgeprägte Spielfreude des Chors als auch das überaus energetische Ensemble tragen die Produktion – gerade auch dann, wenn es szenische Lücken gibt. Besonders beeindruckt Daniel Schliewa, der als Byrons „Unter-Ich“ in Gestalt eines Ferengi-Nosferatu-Sauriers die herrliche Absurdität des Abends in sich bündelt und gleichzeitig mühelos zwischen romantischem Schwelgen und moderner Deklamation wechselt.

Die Oper verschmilzt auf besondere Weise Elemente von Science-Fiction mit scharfer Gegenwartssatire, wie sie zeitgemäßer kaum sein kann. Zudem ist sie nicht zuletzt ist ein besonders anschauliches Beispiel für die enorme Schaffenskraft weiblicher Künstlerinnen im Musiktheater – für diejenigen, die diese nach wie vor anzweifeln. Es bleibt sich zu wünschen, dass sich noch andere Häuser dieses Stückes annehmen werden.