Rafaelle Queiroz und Jason Maison in "In den Winden des Nichts" am Badischen Staatstheater.
Tanz,

Lupenreine Tanz-Ästhetik

Heinz Spoerli: In den Winden im Nichts

Theater:Badisches Staatstheater, Premiere:16.03.2013 (DE)Komponist(in):Johann Sebastian BachEinstudierung:Heinz Spoerli

Mit vielgestaltigen Ring-Dekorationen verweisen zahlreiche Musiktheater-Bühnen auf das Richard Wagner-Jahr. In dieser Hinsicht eher zufällig umschließt auch Heinz Spoerlis Ballett „In den Winden im Nichts“, das am Badischen Staatstheater Karlsruhe eine umjubelte deutsche Erstaufführung erlebte, ein auf die Bühnenrückwand projiziertes, in Silber-Glanzfarben changierendes Ring-Symbol – das an den feurig umzingelten Brünhilden-Felsen erinnert, wenn es brandrot lodernd aufleuchtet (Bühne Sergio Cavero). Zusätzliche Symbolik erfahren die in schier atemlosem Tempo zu den Sätzen von Johann Sebastian Bachs Cello-Suiten Nr.2, 3 und 6 aneinander gefügten Ballett-Reigen durch die in Blau-, Rot- und Grüntönen farblich wechselnd ausgeleuchteten Tanzflächen: Das mag Frieden und Freude, Leidenschaft oder Hoffnung andeuten. Überhaupt scheint es erlaubt, die Choreographie als ein facettenreiches, zwischen Lust und Leid angesiedeltes menschliches Beziehungsgeflecht der tänzerisch präsentierten Paare, Gruppen und Ensembles zu interpretieren.

Doch maßgeblich bleibt Spoerlis (nach den „Goldbergvariationen“ und dem Tanzstück „Und mied den Wind“) dem Element der Luftgeister gewidmetes drittes (2003 in Zürich uraufgeführtes) Bach-Ballett abstrakt: klassisch grundiert und modern appliziert. Bachs jenseitig schöne Harmonien, seine kontrapunktisch polyphonen Melodielinien werden in eine spirituelle, ornamental ausgeschmückte Tanzsprache umgesetzt, die in hinreißend verspielten, sinnlich aufgeladenen Sequenzen ästhetischen Genuß vom Feinsten bietet.

Links vor der Bühne sitzt auf hochgefahrenem Orchester-Graben der exzellent musizierende, sein anspruchsvolles Pensum absolvierende Solo-Cellist Alexandre Vay und sorgt durchgängig für die impulsgebende Basis. Ähnlich mutterseelenallein eröffnet der (von Generalintendant Peter Spuhler nach der Vorstellung) zum Kammertänzer ernannte Karlsruher Tanzstar Flavio Salamanka in einem geöffneten Spalt der Rückwand, an einer Ballettstange die Grundpositionen übend, zum Prélude aus Bachs d-Moll-Suite (BWV 1008) den Tanzabend – den er nach gut 75 Minuten ebenso einsam mit feinen Gesten der Demut zur Gigue aus der D-Dur-Suite (BWV 1012) an der Rampe beschließen wird.

Zwischen diesen Polen spannen sich in kaleidoskopisch fließender Abfolge die Pas de deux, Trio-Tänze und Quartetts, Mädchen- und Männer-Ensembles oder gemischte Auftritte aller 28 Protago-nisten. Ein Wogen, Wirbeln und Kreiseln: Bewegungscrescendi münden in artistische Schleuder-Arabesken und triumphalische Hebefiguren. Männer protzen mit athletischer Kraft, Frauen antworten in weich geschmeidiger Gangart. Die Gefühlswallungen einzelner Paare werden von „Zaungästen“ mit witzigen Bewegungspointen kommentiert. Mit zickiger Arm- und Bein-Gestikuliererei und zackiger Zeichengebung gerieren sich Ballerinen als Automaten-Püppchen. Alles wirkt luftig und leicht, tänzerisch virtuos. Die intensiv farbigen, eng anliegenden Samt-Trikots betonen Sinnen- und Köperfreude. Johann Sebastian Bachs Musik zu vertanzen, birgt Risiken. Der vom Premieren-Publikum gefeierte Meisterchoreograph Spoerli und die Karlsruher Compagnie bewältigen diese Herausforderung mit balletteusem Glanz.