Dieser positive Eindruck hat mit einer homogenen Ensembleleistung auf, auch schauspielerisch, außergewöhnlichem Niveau zu tun. Mit schwerelos anmutendem Stimmsitz zeichnet etwa Suzanne Jerosme ein so intensives wie anrührendes Porträt der jüngsten Schwester als traumverlorene Kindfrau. Camille Schnoors mittlerer Tochter nimmt man in jeder Minute den Fernsehstar ab. Zudem bewältigt sie die mit Abstand größte Rolle von musikalisch ungeheuer differenziert, auch wenn sich ihr klangschöner Sopran gegen Ende leicht verhärtet, was der Überlänge der Partie und der Pausenlosigkeit des Abends geschuldet ist. Mühelos sonor Randall Jakobsh als glaubhaft sein Gedächtnis verlierender Vater, geradezu mitreißend lebensuntüchtig Hrolfur Saemundsson als Ori mit höhen- und pianostarkem Bariton. Auch Justus Thorau tut das seine, hält Orchester und Sänger kundig beisammen, stellt die ungewöhnlichen Orchesterfarben – die vielen Schlagwerke, Klavier und Akkordeon, die solistisch arrangierten Streicher – deutlich aus, ohne sich vor das Drama zu drängen. Nur die Klangbalance stimmte in der Premiere noch nicht ganz. Sowohl von der Bühne als auch aus dem Graben kam immer wieder mal eine Winzigkeit zu viel. Dann klang das pastellene Klanggebilde eine Spur zu laut und vibratös und verlor momentweise sein Geheimnis. Dennoch: Ein entschlossenes Plädoyer für ein postmodern rätselhaftes Stück Musiktheater.
