Dieser Vater versucht, der 24/7-Belagerung seines Hauses zu entkommen, indem er sich mit seinen 80 Jahren auf den Straßen herumtreibt und so viel wie möglich redet. Über Kaffeesorten, die nach Erdbeeren schmecken; über Menschen, die Car-Sharing-Autos mieten, um darin ein Nickerchen zu machen. Walter Hess tanzt wie befreit vor seinem Haus, während er von all diesen Alltäglichkeiten erzählt. Erst wenn er eintritt, lähmt ihn das Wissen um seine 50-jährige Tochter im Obergeschoss, die Angst vor ihrer nächsten Staubsauger-Schrei-Attacke und dem, was die Nachbarn denken. Seine Frau ist gestorben, sein jüngerer Sohn träumt von Saõ Paulo, wo die Straßenbäume nicht „unterdrückt“ werden, sondern „frei wuchern“ können. Damien Rebgetz spielt ihn, der seine Tage lieber auf Bänken in Einkaufspassagen oder Bibliotheken verbringt als zuhause. An kostenlosen Orten in der Stadt. Zwar verlässt er das Haus, doch ist auch er ein Außenseiter in der Gesellschaft. Wie sehr diese von Leistungsdruck und Funktionieren-Müssen geprägt ist, wird durch den Besuch von Hide, einem Freund des Sohnes, deutlich. Der kommt in Gestalt von Thomas Hauser in diesen Mikrokosmos Familie, berichtet von der Arbeit im Amazon-Lagerhaus, vom Waren-Picken, Normerfüllungsquoten und Ranglisten. Ein „Scheißhaufen“ von einer Arbeit. Ist es nötig, da hineinzuspringen? Kann das die Alternative sein?
„The Vacuum Cleaner“ ist leiser als „No Sex“, die Vorgängerinszenierung Okadas, bedrückender. Erzählt wird von Kindern, die nicht flügge werden, sich dem Erwachsenenleben verweigern. Und von Eltern, die sich und ihnen nicht zu helfen wissen. Okada und sein Ensemble begegnen ihren Figuren mit großer Empathie und Zärtlichkeit, stellen sich nie über sie. Tutia Schaad hat sie in Kostüme gesteckt, die in ihrer Expressivität und Farbigkeit eine Sehnsucht ausdrücken, die sich hier nicht erfüllt. Hier ist alles geprägt von Erwartungen und Enttäuschungen. Je mehr von einem, desto mehr auch vom anderen. Dieses eine Leben, das nicht stattfindet und alle anderen beherrscht, stellt unaufhörlich auch die Frage nach dem Sinn des Ganzen.
Okadas Geschichte spielt in Japan. Er zeigt eine Gesellschaft unter enormem Druck, in der irgendwie alle den Wunsch haben, dem für eine kurze oder eben sehr lange Zeit zu entkommen. Eine Leistungsgesellschaft, die in einem übermächtigen Stillstand kulminiert. Und in der Scham über das eigene Versagen, das sich in der Verweigerung der Tochter manifestiert. Okada begegnet dem Thema ernst, aber nicht ohne Augenzwinkern. Das Ende macht wieder der Vacuum Cleaner. Der ja im übrigen auch eher selten das Haus verlässt.
