Koskys Inszenierung erweist sich als Perlenkette derartiger Höhepunkte, zusammen gehalten durch die suggestive Stimme der Schauspielerin Claude de Demo, die, vom Band kommend, mit Texten aus Libretto und Romanvorlage die ewige Frage überflüssig macht, ob man nun Dialoge oder Rezitative verwenden soll. Unterstützt von den Choreographien Otto Pichlers und der herausragenden Lichtgestaltung von Joachim Klein, erzielt Kosky eine fast ekstatische, dramatische Sogwirkung, ohne je die Grenzen des guten Geschmacks auch nur zu streifen. Immer wieder rauscht Erotik auf, elektrisieren die Beziehungen zwischen den handelnden Personen das Publikum. Die Figuren wirken mit leichter Hand und doch sehr genau entwickelt und gewinnen außergewöhnliche Plastizität. Frasquita und Mercedes baden in Gestalt von Kateryna Kasper und Elizabeth Reiter geradezu in Spiellust, Lebens- und Sangesfreude. Das tut auch Daniel Schmutzhard, ein feiner lyrischen Sänger, der Escamillo mit großer Eleganz und rosa Strümpfen zum charmanten Luftikus geradezu ziseliert. Mit ähnlichen stimmlichen Mitteln formt Sebastian Geyer sowohl den Schmuggler Dancairo als auch den durch ein herrliches Couplet aufgewerteten Sergeanten Morales zu unvergesslichen Momentaufnahmen.
Don José wird verkörpert vom MET-erfahrenen Star-Tenor Joseph Calleja. Er hat nicht das Spieltalent, die bewundernswerte tänzerische Eleganz der anderen, wirkt durchaus ein wenig plump. Dennoch denunziert Kosky weder Sänger noch Figur. Er schenkt dem mit seiner Stimme kleine Wunder vollbringenden Tenor zu Anfang einen entspannten Moment vertrauter Zweisamkeit mit der glaubhaft innigen Micaela der Karin Vuong. Dann macht er beide liebevoll zu opernhaften Fremdkörpern in der tragischen Operette, zeigt ihr bäurisch-kleinbürgerliches Milieu ganz im Sinne von Libretto und Musik als abwesende Parallelwelt.
Bleibt Paula Murrihy in der Titelrolle. Schon in der Ouverture ist sie zu sehen, im rosa Granden-Outfit. In jedem Akt trägt sie ein anderes Kostüm, eine andere Persönlichkeit, kommt als androgyne Verführerin, Party-Girl, Salondame und schließlich als Todesvogel mit riesiger, die Treppe fast bedeckender schwarzer Schleppe. Und doch ist diese Carmen immer ganz bei sich. Sie spielt Theater für sich und für uns, spielt um ihr Leben, ihre Freiheit, ihre Selbstbestimmung. Die Fesseln im ersten Akt sind ein schrecklicher Schmerz für sie, den sie aber schnell unterdrückt, um das Spiel wieder aufzunehmen und weiterzutreiben. Erst als sie sich wirklich verliert – und das ausgerechnet an den Tropf Escamillo –, ist sie verwundbar und verliert auch ihre Verführungs- und Überzeugungskraft. Diesen Moment formen Carydis und Kosky mit der Sängerin in geradezu unerhört konzentrierter Weise. Musikalisch gestaltet Paula Murrihy souverän mit leicht anspringendem, nie gedrücktem Mezzosopran und erfreut mit eigenständiger, gestischer, auch hier: fast tänzerischer Phrasierung. Von Don José ganz konventionell und doch erschreckend nieder gestochen, erhebt sie sich während der letzten Töne, zuckt die Achseln und grinst. Alles Theater eben. Aber was für Großartiges!
