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Keine Zeit für Aufruhr

Nach Richard Yates: Zeiten des Aufruhrs

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Schauspiel Leipzig
Regie: Enrico Lübbe   Foto: Rolf Arnold 
Von Detlev Baur am 11.12.2014

Ein junges Paar mit zwei Kindern im trostlosen Vorort lebt vor sich hin. Zu Beginn des Romans „Zeiten des Aufruhrs“ (Revolutionary Road) von Richard Yates erlebt die gelernte Schauspielerin April Wheeler mit einer lokalen Laientruppe ein Desaster, das die Konflikte mit ihrem Mann Frank zu neuen neurotischen Blüten treibt. Frank, der ehemals vielversprechende College-Student, arbeitet intellektuell unterfordert in einem Büro in der Stadt und gönnt sich angesichts der Ehekrise eine Affäre mit seiner Sekretärin. Doch April kommt die womöglich rettende Idee, die Familie solle der engen neuen Welt entfliehen und in Europa, in Paris, ihr Glück machen. Frank könne zunächst seine wahre Bestimmung suchen, während April als Sekretärin das nötige Geld verdient. Doch entwickelt sich Franks Job plötzlich aussichtsreicher und April wird wieder schwanger. Sie will das alle Pläne bedrohende Ungeborene eigenhändig abtreiben. Als Frank schon glaubt, ihr das ausgeredet zu haben, weil der ideale Termin verstrichen sei, legt April Hand an sich und stirbt. Die geschwätzigen Freunde des Paares berichten den neuen Besitzern des Wheelerschen Hauses, wie Frank ganz in seinem Beruf aufgehend – die Kinder sind bei seinem Bruder versorgt – weiterlebt. Soweit der Inhalt.

Enrico Lübbes Uraufführungsinszenierung des Romans (der auch das Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig darstellt) erzählt diese Geschichte genau nach. Die 360 Seiten werden in der dreieinhalbstündigen Inszenierung chronologisch exakt nachgearbeitet. Das erweist sich über weite Strecken als mühsames Geschäft. Auf Raimund Orfeo Voigts Bühne stehen nur vier große Tische, die zehn Darsteller spielen meist frontal zum Publikum und erzählen dabei von Anfang bis zum letzten Satz die Geschichte der Wheelers nach. Die Stimme des Erzählers ist zu Beginn aufs Ensemble verteilt, in der Folge auf einzelne Gestalten, auch Anja Schneider als April und Felix Axel Preißler als Frank sprechen nicht nur in ihren Rollen, sondern auch über sich oder den anderen. Bei aller Dramatik, die Bert Wredes schicksalsschwangere Akkorde in den kurzen Blacks zwischen Szenen unter das Spiel legen, bleibt die Inszenierung meist so blass wie Franks hellblauer Anzug (Kostüme: Bianca Deigner). Die Textfassung konzentriert sich auf die Nacherzählung der Geschichte und schafft damit nur selten dramatische Szenen, selbst die „Szenen“ einer Ehe wirken wohltemperiert.

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Nach der Pause kommt dann durch den irren Sohn der geschwätzigen Maklerin (Jutta Richter-Haaser), den die Vorstadt-Hölle durchschauenden John Givings (Michael Pempelforth), mehr Leben und Emotion ins Nachspielen. Auch gelingt den beiden Protagonisten ein berührendes letztes Frühstück, in dem April mit der coolen Freundlichkeit einer Stewardess ihre Abschiedsvorstellung gibt und Frank wie ein verunsicherter kleiner Junge wirkt. Das lange Zeit nur dekorative große Leuchtreklameschild für die „Suburbs“, die günstig mit Zügen erreichbar seien, kommt nun in Bewegung, kippt schließlich, während sich April unter den herunterbaumelnden Lichtröhren zum Sterben legt. Umgeben wird sie von Figuren mit großen Kinderköpfen. Hier erweist sich der größte Eingriff der Leipziger „Zeiten des Aufruhrs“ in die Textvorlage als ihr größtes Plus: Der Verzicht auf die Wheeler-Kinder ist, verbunden mit den surrealen Puppenkindern am Ende, eine schlüssige Änderung, die über die Textrepetition hinaus neue Perspektiven in der Auseinandersetzung mit dem Roman aufzeigt. Über weite Strecken jedoch – auch am Schluss wird wieder brav vom Ensemble der Text mit verteilten Sprechern rezitiert – entwickelt die Inszenierung nicht annähernd eine dem grandiosen Roman vergleichbare Wucht. Gewagte Entscheidungen, wie eine Flucht nach Paris, können Hirngespinste sein; bewegendes Theater bräuchte aber mehr mutige, gewagte Entscheidungen.

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