Ans aktuelle Tagesgeschehen versucht das Programmheft die Inszenierung mit Ausschnitten aus den offenen Briefen von Ralf Fücks und Alice Schwarzer zum Ukraine-Krieg zu koppeln, der vor dem Hintergrund von Dürrenmatts „Romulus der Große“ noch ein wenig absurder wirkt, als sowieso schon. Romulus selbst – als Held des hedonistischen und staatszersetzenden Nichtstuns, dessen einziges Interesse zunächst (scheinbar) seinen Hühnern und dem Wein gelten – wirkt hier zwischen all seinen Ministern, die ihre Kriegstrommeln rühren und ständig auf die Verteidigung des Vaterlandes pochen, wie der einzig vernünftige. „Vaterland“, sagt Romulus, „nennt sich der Staat immer dann, wenn er sich anschickt, auf Menschenmord auszugehen.“
Pazifistisch und antipatriotisch
Unter dem Abendhimmel über dem Celler Schloss, in der Kulisse eines zerbröckelnden Kaiserpalastes wird also vor dem Hintergrund eines Krieges ein zutiefst antipatriotisches und pazifistisches Stück gegeben, das auf den Füßen einer Groteske versucht, die Grenzen von Staaten und Staatsgebilden zu erkunden, den Wahnsinn von Kriegen aufzuzeigen und damit immer auch ein wenig lustig zu sein. Getragen wird das alles von Klaus Beyer als Romulus, der im Laufe der Inszenierung von einem leicht naiven Hühnerzüchterkaiser zu einem knallharten Strategen mutiert, der mit seinem fröhlichen Anarchismus tatsächlich ein Weltreich in die Knie gezwungen hat.
Selbstverständlich bleibt die Inszenierung – die der eigentlich vorgesehen Regisseur Axel Sichrovsky aus persönlichen Gründen nicht bis zum Schluss betreuen konnte – luftiges und leichtes Sommertheater unter freiem Himmel. Hier gibt es keine großartigen Reibungsflächen, keine großartigen Überraschungen. Dennoch ist der Text von Dürrenmatts „Romulus der Große“ komplexer, als er auf den ersten Blick scheint, gerade auch, weil es um die Frage geht, wie es angehen kann, dass ein Staat, der Verbrechen begeht, überhaupt jemals legitimiert sein kann.
