Als das Singen zu Ende ist, lesen die Frauen aus den Briefen, von Trennung, von Sehnsucht und Schmerz. Sie lesen, während die Welt um sie herum zugrunde geht. Don Juan rennt um das Podest, bewaffnet und getrieben. Er rennt durch die Asche, die unaufhörlich aus den großen Walzen an der Decke rieselt, durch den ohrenbetäubenden Lärm des Gefechts. Diese zwei Welten, die der Daheimgebliebenen und die der Front, sie sind zu unterschiedlich, um sich zusammenfügen zu lassen. Wer aus diesem Lärm kommt, wie kann er die Stille ertragen? Es ist ein großartiger Einstieg, den Kriegenburg da findet. Verklärung und Realität prallen ungebremst aufeinander, lassen keinen Raum mehr für Illusionen: Dieser Krieg war kein Schauplatz für Heldentaten, er war brutal, bitter und grausam. Wer aus ihm zurückkehrte, war ein Fremder in der Welt.
Ein Anfang, der das ganze Horváthsche Drama erfasst. Denn dieser Don Juan ist dazu verdammt, draußen vor der Tür zu bleiben. Er ist nicht mehr der Liebhaber aller Frauen. Zwar sucht er noch immer nach Vollkommenheit, doch wird er sie niemals finden. Er sucht die eine, die er vor dem Krieg nicht lieben wollte und die ihm jetzt das einzig Liebenswerte scheint. Er sucht sie in jeder Frau, der er begegnet. Und findet sie am Ende in ihrem Grab, das auch das seine werden soll. Max Simonischek spielt diesen traurigen Helden, diesen kläglichen Rest einst überbordender Männlichkeit. Er spielt ihn ohne große Gesten, nimmt sich zurück und zeigt einen Gebrochenen. Den Krieg hat er überlebt, und ist doch ein toter Mann.
Andreas Kriegenburg gelingt ein eindrucksvoller Abend, der zu seiner Theatralität steht und in ihr die Realität der Nachkriegszeit erlebbar macht. Ein Abend, der vom Krieg erzählt, indem er zeigt, was der aus den Menschen macht. Sein Don Juan findet sich wieder in einer Welt, in der die Frauen die neuen Männer sind, sein müssen. Weil von ihren Männern nur die Anzüge geblieben sind, die im Hintergrund auf Bügeln hängen und vergeblich auf die Rückkehr ihrer Träger warten. Sonja Beisswenger, Ilivia Grigolli, Sabine Haupt, Traute Hoess, Elisa Plüss, Nele Rosetz, Janina Sachau, Natalie Seelig und Michaela Steiger sind die gebündelte Weiblichkeit, die dem armen Helden entgegenspringt in all ihren Facetten. Jung, alt, dick, dünn, maskulin oder feminin, lüstern oder verführerisch. Sie alle wollen leben, wollen lieben und geliebt werden. Für jeden wäre hier etwas dabei, nur für Don Juan nicht. Das Unmögliche, das er nun sucht, ist nicht mehr die Liebe aller Frauen, sondern die der einen, die es nicht mehr gibt.
