Foto: Gabriel Rollinson (Hannah Younger), Dominika Škrabalová (Hannah Older) © Klaus Gigga
Text:Martina Jacobi, am 21. Juni 2026
An der Semperoper Dresden inszeniert Rahel Thiel die Kammeroper „As One“ über eine trans* Frau. Laura Kaminskys clevere Oper und starke Darsteller:innen sorgen für einen bewegenden Abend.
„You are not happy. You can be happy“, klingt wie ein Mantra wiederholt durch die Studiobühne in der Semper Zwei in Dresden. Das ist die wesentliche Botschaft, die Hannah auf ihrem Weg zur Identitätsfindung bestärkt. Im Grunde spricht „As One“ („Als Einheit“) jede:n an, der oder die sich vielleicht fehl am Platz oder nicht als Teil einer Gemeinschaft fühlt.
Konkret geht es hier aber um eine trans* Frau und ihre persönlichen Erfahrungen mit den Eltern, mit Allies oder mit queerfeindlichen Menschen – übrigens fand die Uraufführung am gleichen Tag wie die Queer Pride Dresden statt. Erst in der letzten Spielzeit wurde auch an der Musikalischen Komödie in Leipzig die Uraufführung des Ein-Personen-Musicals „Ein wenig Farbe“ über ein Leben mit einer geschlechtsangleichenden Operation mit trans* Darstellerin AMY gezeigt.
Die Kammeroper „As One“ der Komponistin Laura Kaminsky wurde schon 2014 bei den American Opera Projects in der Brooklyn Academy of Music in New York uraufgeführt. Das Libretto basiert auf autobiografischen Erfahrungen der Regisseurin und Produzentin Kimberly Reed, die es zusammen mit Mark Campbell verfasste. Die europäische Erstaufführung fand erst knapp zehn Jahre später 2023 in Regensburg statt. In der kommenden Spielzeit ist eine weitere Produktion in Gießen geplant.
Innerer Dialog
Die Komposition ist in drei Teile unterteilt: Hannahs Jugend, die Studienzeit und eine Reflexionsreise nach Norwegen. Mezzosopranistin Dominika Škrabalová und Bariton Gabriel Rollinson singen beide die Rolle von Hannah, Rollinson als „Hannah Younger“ und Škrabalová als „Hannah Older“. Obwohl die Handlung einer chronologischen Szenenreihung folgt, sind Škrabalová und Rollinson zu jeder Zeit gemeinsam auf der Bühne und die beiden Rollen oder Teile von Hannahs Persönlichkeit im ständigen, intimen Dialog miteinander.

Dominika Škrabalová (Hannah Older), Gabriel Rollinson (Hannah Younger), Streichquartett ML Naomi Shamban. Foto: Klaus Gigga
Hannahs Entwicklung geht dadurch besonders nah, weil diese zwei Versionen ihres Selbst ständig miteinander interagieren. Bariton Rollinson noch als 14-jähriger Teenager, der sich Socken unters Oberteil stopft als die Mädchen in der Klasse anfangen, größere Brüste zu bekommen. Dann sein Befreiungsschlag und die Erkenntnis im Schulunterricht beim Rezitieren von John Donnes Gedicht „No Man Is an Island“, dass er eben doch eine Insel und anders als die anderen ist.
Sensible Rollenführung
Zweifel und Unsicherheit plagen Škrabalová als „Hannah Older“, die an Weihnachten wegen körperlicher Veränderungen durch die Transition nicht nach Hause fährt, die zum ersten Mal mit einem Mann flirtet und an einem dunklen Abend von einem Fremden bedroht wird: „Was bist du?“, schreit dieser sie an und verspricht, sie umzubringen. Mezzosopranistin Škrabalovás Präsenz in der Rolle muss einfach mitreißen, wenn sie sich gegen die Umklammerung ihres jüngeren Selbst wehrt. Dadurch, dass die Produktion auf der Studiobühne stattfindet, sind die Rollen besonders nahe am Publikum. Škrabalovás vollklingende Stimme erzeugt mit sensibler Führung Gänsehaut.
Hannahs Selbstfindung findet vor allem in einem von Gaze umrahmten Raum statt (Bühne: Fabian Wendling). Dort stehen ein einfacher Tisch, ein Stuhl und ein Spiegel. Immer wieder reichen sich die Darsteller:innen ein Buch hin und her, dessen Sinn als Requisite – vielleicht eine Art Tagebuch? – sich, außer dass Hannah in einer Bibliothek endlich das erlösende Wort „trans“ und Literatur von und über andere wie sie findet, sich nicht ganz erschließt. Das auf Gaze projizierte Libretto inklusive einer Namensliste ermordeter queerer Personen bebildern Hannahs Schicksal und die Bedrohung der Community.

Dominika Škrabalová (Hannah Older), Gabriel Rollinson (Hannah Younger), Streichquartett ML Naomi Shamban. Foto: Klaus Gigga
Geschlechtszuschreibungen in der Musik
Genauso bemerkenswert wie die nahbare Figurenkonstellation ist Kaminskys Musik. Außer den Sänger:innen ist nur ein Streichquartett besetzt. Bratschist Pätzold hat eine besondere Rolle. Schon zu Beginn steht er in dem Gaze-Raum, wo der warme Bratschenklang ganz alleine und langsamer entgegen den schnelleren Parts vom Rest des Quartetts erklingt. Die Bratsche ist in den Geschlechtszuschreibungen von stimmlicher und musikalischer Lage (hoch = weiblich; tief = männlich) ein Instrument, dass „dazwischen“ liegt. Unter der Leitung von Naomi Shamban sorgt das Quartett mit einer Mischung aus moderner Kammermusik, lyrischen Teilen und irritierenden Rhythmen für den musikalischen Ausdruck aller inneren Gefühlszustände von Hannah.
Die 15 Szenen der Oper, die größtenteils auf Erinnerungen bestehen, löst Rahel Thiel mit einem abstrakten Konzept. Neben Gaze für Hannahs und queere Verletzlichkeit steht dafür auch der Spiegel in der Ecke. Für gleiche Ungleichheit in der Gesellschaft tragen Musiker:innen wie Sänger:innen jeweils verschiedenfarbige Anzüge. So lebt „As One“ von starken Darsteller:innen, die der intimen Persönlichkeits-Offenbarung von Hannah viel Raum geben. Viel mehr als eine Einheit zu werden, kann sich Hannah am Ende als ein Ganzes akzeptieren – ein schönes gesellschaftliches Schlussbild. Das Publikum applaudiert lautstark für den bewegenden Abend.