Wiard Witholt, Florian Mania, Gerald Fiedler beugen sich alle über einen Tisch und schauen Florian Mania zu, wie er auf einem Zettel schreibt.

Science-Fiction im Retro-Look

Jules Verne: Die Reise zum Mittelpunkt der Erde

Theater:Staatstheater Augsburg, Premiere:30.01.2026Regie:Lukas Joshua Baueregger

Am Staatstheater Augsburg inszeniert Lukas Joshua Baueregger „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ von Jules Verne mit AR-Brillen und Verstärkung aus dem hauseigenen Opernensemble.

Wenn es einen Autor gibt, dessen Phantasiewelten sich für eine Umsetzung auf digitaler Bühne geradezu aufdrängen, dann ist das wohl Jules Verne. Seine Abenteuer- und Science-Fiction-Romane zählen zu den großen Klassikern der Weltliteratur. Der technikbegeisterte Franzose war Mitte des 19. Jahrhunderts einer der ersten, der in seinen Geschichten Menschen auf den Mond schickte, sie in Unterseebooten oder Luftschiffen um den Globus reisen oder prähistorischen Tieren bevölkerte Inseln erforschen ließ. Und so stand er auch für das Leitungsteam der Digital-Sparte am Staatstheater Augsburg schon länger auf der Wunschliste.

Im Kühlergebäude des ehemaligen Gaswerks präsentiert man daher nun die 1864 veröffentlichte „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ als „Mixed-Reality-Schauspiel“. Eine spartenübergreifende Produktion, bei der das Publikum mit sogenannten Augmented-Reality-, kurz AR-, Brillen ausgestattet wird. Diese erlauben es dem Publikum zwar, weiter dem realen Bühnengeschehen zu folgen. Gleichzeitig können die Sinneseindrücke aber auf Knopfdruck durch digital kreierte Bilder und Animationen ergänzt werden.

Zwischen Retro und 3D

Die ersten zwanzig Minuten sind allerdings zunächst noch ganz klassisches Theater im Retro-Look. Denn wie bei Jules Verne üblich, ist auch diese berühmte Fantasy-Story ganz in der Zeit des Autors verortet. Ausstatterin Rosa Wallbrecher schickt das Forscher-Team daher mit Gamaschen und Kragenbinden auf Entdeckungsreise und fängt die Sehnsucht nach fernen Orten zunächst in einer Reihe von Schaukästen ein, die von den drei Darstellern zum Teil als Diorama mit zweidimensionalen Kulissen und Pappfiguren bespielt werden. Eine wohlig nostalgische Bildsprache, die auch dann erhalten bleibt, nachdem man das Publikum dazu auffordert, beim Abstieg in den Krater des isländischen Vulkans Snæfellsjökull seine AR-Brillen aufzusetzen.

Das Publikum sitzt nebeneinander im dunklen Zuschauerraum. alle haben ihre gesichter nach vorn gewandt und tragen AR-Brillen.

Das Publikum schaut die Inszenierung durch AR-Brillen. Foto: Jan-Pieter Fuhr

Dann dürfen sich aber endlich auch die 3D-Artists Benjamin Seuffert, Finn Pfeilschifter und Corinna Wörle austoben. Mit historischen Landkarten, in der Luft schwebenden Tagebuch-Einträgen, überdimensionierten Pflanzen oder einem waschechten Mammut, dem man in einer Höhle begegnet. Wobei man es manchmal auch ein wenig übertreibt und in Endlosschleife auf der Stelle tritt. Da hätte eine kleine Digitalpause zwischendurch nicht geschadet.

Großartig hingegen der Moment, in dem Erzähler Axel vom Rest der Gruppe getrennt wird und nach dem Verlöschen seiner Lampe auch das Publikum plötzlich in eine schwarze Leere blickt. Eine beklemmende Situation, in der erst die visualisierten Schallwellen seines Echos wieder für Anhaltspunkte sorgen. Gefolgt von einer „Twin Peaks“-verdächtigen Traumsequenz, wie sie David Lynch nicht skurriler hätte gestalten können.

Ausgefeilte Figuren

Ohne Zweifel, es gibt viel zu sehen und viel an Assoziationen zu verarbeiten. Doch es spricht für das dreiköpfige Ensemble, dass bei diesem kurzweiligen Abend trotz aller technischer Spielereien die menschliche Komponente nicht zu kurz kommt. Sei es bei Florian Mania, der als Axel unerwartet in sein Abenteuer hineinstolpert und mit seinem Zweifeln und seinem jugendlichen Staunen zur Identifikationsfigur des Publikums wird. Mania zeichnet den schüchternen Schreibtischtäter, der hier mehr als einmal aus seiner Komfortzone gerissen wird, mit einer liebenswerten Verschrobenheit, dank der man ihn sofort ins Herz schließt. Eher pragmatisch-nüchtern ist dagegen sein Onkel unterwegs. Wobei Gerald Fiedler, der hinter der ruppigen Fassade von Expeditionsleiter Lidenbrock sehr wohl auch den besorgten Onkel spüren lässt, dessen Welt nach Axels Verschwinden aus den Fugen gerät.

Als Dritten im Bunde hat sich die Produktion schließlich noch Wiard Wilholt aus dem Opernensemble des Staatstheaters ausgeliehen. Er darf als isländischer Bergführer Hans die Erzählung immer wieder mit nordischen Volksmelodien und anderen klassischen Liedern auflockern. Dargeboten mit kraftvollem Bariton und live am Flügel, begleitet von Volker Hiemeyer. Handgemachte und technisch unverstärkte Musik als stimmiger Kontrast zu all den digitalen Spielereien. Wobei es doch ein wenig irritiert, dass bei all den Projektionen und Animationen ausgerechnet für Übertitel offenbar kein Platz mehr war. Was bei den französischen und englischen Kompositionen von Duparc oder Britten noch halbwegs zu verschmerzen ist, den Großteil des Publikums aber spätestens beim isländischen „Sofðu unga ástin mín“ an sprachliche Grenzen bringen dürfte. Da muss anschließend noch einmal eigeninitiativ recherchiert werden, um zu merken, dass die Musikauswahl keineswegs nur für atmosphärisch stimmige Untermalung sorgt, sondern die einzelnen Lieder das Geschehen auch inhaltlich ergänzen und kommentieren.