In den drei weiteren Akten wird das altbekannte Wohnzimmer nun durch Videogeflimmer und vorwiegend düstere Lichtstimmungen erweitert. Orfeos Suche nach der Geliebten im Jenseits bleibt bei Guth unklar: Ist das nun ein realer Alptraum-Trip oder bloße Einbildung oder eine Mischung aus beidem? Orfeo trinkt und kokst jedenfalls kräftig und sieht die Geliebte mal hier, mal dort. Nachdem er den ebenfalls ziemlich alkoholisierten Unterwelttürsteher Caronte passiert hat, führt er seine halblebendig wirkende Dame mehrfach quer durch den Saal, bis er zwei Furien – in Form von Doppelgängerinnen Euridices – trifft, sich umdreht und die Gattin verliert. Darauf gibt es zwar den Gnadenakt Apollos und die Party geht von neuem los, doch plötzlich verschwindet die Angebetete schon wieder, und Orfeo bleibt allein zurück. Er bricht mitsamt dem Tisch voller Alkoholflaschen zusammen.
Das ist in aller ‚Mehrdeutigkeit’ dann doch etwas zu eindimensional geraten. Zumal John Mark Ainsley seine Partie szenisch arg verzappelt und stimmlich massive Höhenprobleme – dazu noch Hustenattacken – hat. Phänomenal ist dagegen Mari Eriksmoen als erst glutvolle, dann ätherische Euridice. Die weiteren Partien sind durchwegs solide besetzt. Am Pult von Freiburger Barockorchester und Monteverdi Continuo Ensemble sorgt Ivor Bolton für einen ziemlich radikalen Kontrast zu Guths szenischer Glätte und Kälte. Sehnig heizen die Streicher durchs Material, bei den Bläsern geht es grell und schroff zu. Und vor allem das von Bolton selbst traktierte Cembalo kommt kaum zum Luftholen. Einige Musiker und teilweise auch der von Erwin Ortner hervorragend präparierte Arnold Schoenberg Chor agieren von der Hinterbühne aus, was sehr interessante Raum- und Echoeffekte ergibt.
Alles in allem lohnte sich dieser musikalisch wilde und szenisch eher milde Abend doch.
