Daniela Mohr steht links im Bild. Sie trägt eine Schürze und Handschuhe und verteilt Erde auf einem Tisch.

Rasant durch märkische Erde

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

Theater:Theater im Marienbad, Premiere:21.02.2026Regie:Tom Schneider

Tom Schneider inszeniert am Theater im Marienbad Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ als Einpersonenstück. Schauspielerin Daniela Mohr begeistert auf ganzer Linie.

Seitdem „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck zum zentralen Abitur-Thema geworden ist, sind auf den deutschen Bühnen ganz unterschiedliche Möglichkeiten zu sehen, diesen epischen Text in eine dramatische Form zu transformieren. Im Theater am Marienbad in Freiburg hat Tom Schneider – auch durch seine Soloarbeiten mit Sandra Hüller bekannt – ein Einpersonenstück gemacht. Indem er die Erzählstruktur der Vorlage zum Ausgangspunkt seiner Dramatisierung nimmt, muss er allerdings die Erzählerfigur genauer definieren. Diese sitzt zu Anfang auf einem Hochsitz, wenn das Publikum eingelassen wird, eine Frau in Jeans. Während der ersten Szene, der ersten Gärtnerszene aus dem Buch, die hier vorgezogen wird, zieht sie sich um. Mit einer blauen Arbeitshose und Arbeitsstiefeln verwandelt sie sich in den Gärtner.

Die von Tom Schneider und Andrijana Trpković geschaffene Bühne zeigt einen Schuppenraum, auf dessen linker Seite ein großes Regal steht. Es erinnert gleichermaßen an ein Archiv wie an den Arbeitsplatz eines Gärtners. In der Mitte steht ein langer Tisch mit einem Hocker dahinter, ganz rechts, eine Stufe höher ein Klavier. Dazu gibt es Mikros im Raum. Im Spiel – im Prolog – schüttet Daniela Mohr kleine weiße Steine auf den Tisch, die übergroß auf zwei hintereinander gestaffelte Leinwände projiziert werden. Dann schafft sie eimerweise fruchtbare Gartenerde an – und langsam entstehen der Scharmützelsee und die Welt.

Multimediale Perspektivwechsel

Die Gärtnerfigur, die im Roman als stiller Beobachter agiert, wird zum Schöpfer. Holprig wirkt am Anfang, dass Daniela Mohr ständig zum Mikro rennen muss, um Töne aufzunehmen, die dann in den Szenen als Hintergrund benutzt werden (Musik: Tom Schneider und Daniel Nerlich). Aber wenn mit der Szene 4 – der Großbauer und seine vier Töchter – die Handlung an Fahrt aufnimmt und Daniela Mohr sich auf das Erzählen konzentrieren kann, wird es ungeheuer intensiv, greifen alle Mittel ineinander. Filmische Live-Einblendungen, einmal aus der Vogelperspektive, zum anderen mit einer sichtbaren Smartphonekamera gemacht, unterstützen ihr Spiel. Mit den Naturmaterialien auf dem Tisch baut sie die „märkische“ Landschaft immer weiter aus und lässt so die Geschichte des Sommerhäuschens am Scharmützelsee sinnlich werden. Hinzu kommt das Spiel mit einer Kamera, die auf das Publikum gerichtet ist, aber auf den Leinwänden erscheinen andere Erinnerungsbilder.

Die Bühne ist als Halle mit großen Fenstern, gefüllten Regalen und einem frei stehenden Arbeitstisch mit Gartenutensilien ausgestattet.

Der Arbeitsort des Gärtners. Foto: Marc Doradzillo

Die Erzählerin im Gärtnerkostüm, die alle Geschichten von Flucht und Vertreibung in diesem kleinen Paradies miterlebt, wechselt die Erzählperspektiven wie im Roman. Grandios ist Daniela Mohr in der Szene des jüdischen Mädchens, das sich im Haus versteckt und dann doch von den Faschisten entdeckt wird. Sie erzählt diese Geschichte in einem sachlichen Ton, an der rechten Seite der Bühne sitzend, während das Licht im Zuschauerraum angeht. Genauso intensiv erspielt sie die Szene der Vergewaltigung durch den Rotarmisten oder die Szene, in der René seine Kusine Nicole vergewaltigt. Diese Szenen gehen unter die Haut, weil Daniela Mohr in ihrem Spiel dem Publikum den Raum lässt, eigene Bilder zu dem Erzählten entstehen zu lassen.

„Der Gärtner ist verschwunden“

Nach der Pause gibt es Veränderungen: Die Regale sind fast leergeräumt. Auf dem leeren Tisch liegen Stühle und die Erzählerin zieht die Gärtnerklamotten aus. Sie verwandelt sich in die Enkelin der Schriftstellerin, die zu DDR-Zeiten dieses Haus bewohnte. Erpenbeck mischt hier ganz persönliche Erinnerungen in ihre Erzählung ein. Tom Schneider macht dies in seinem Zugriff deutlich, indem er diese von Tonkassetten, die Danial Mohr wiederholt einschiebt, wiedergeben lässt. Damit schafft er eine distanzierte Form des Erinnerns und des Erzählens. Dazu lässt er sentimentale Filmbilder einer Familienidylle aufscheinen. Die Erzählerin legt eine weiße Decke auf den langen Tisch und stellt darauf einen Blumenstrauß. Eine Tafel, umgeben von leeren Stühlen. Dann erscheint im Film der Abrissbagger.

Tom Schneider und Daniela Mohr ist eine starke Inszenierung gelungen. Sie erzählen – wie Jenny Erpenbeck – ein Geschichtspanorama von der Weimarer Republik. Über Faschismus und den verlorenen Weltkrieg. Die DDR bis hin zur Wiedervereinigung. All das an kurzen, sich manchmal überkreuzenden Biografien, die berühren, die abstoßen, kurz: uns nahe sind. Frenetischer Applaus an diesem Premierenabend für Daniela Mohr. Zu Recht!