Birte Leest spielt diese Täterin, schwankend zwischen Verstocktheit, Unbekümmertheit, auch Koketterie höchst intensiv. Wie sie da behauptet, ein kleines Mädchen zu sein, zeigt die völlige Realitätsverdrängung, aber auch eine Sehnsucht nach Unschuld, die dann wieder in kühle Dreistigkeit umschlägt. Van Daal hat das unter baumelnden Verhörlampen so klar wie wirksam inszeniert. Raphael Traub und Sebastian Matschoß überzeugen in wechselnden Rollen als Spielpartner.
Hält das Schauspiel die Zuschauer auf kritische Distanz, so nehmen Jake Heggies rahmende Kurzopern durch die melodiöse, weich fließende für ihre Hauptfiguren ein. Da klagt die Klarinette, streichen Geige oder Cello ihre Sehnsucht aus, manchmal steigert sich die Bewegung nach Minimal-Music-Art. Johanna Motter gibt vom Klavier aus sicher die Einsätze und Tempi.
In „For a Look or a Touch“ erinnert sich der alte Gad an seine Jugendliebe Manfred, der im KZ umkam. Eine lange verdrängte Erinnerung, die er aus Akten in riesigen Tonnen gräbt. Jost Leers spielt den alten Mann weich, zaghaft, als fiele es ihm auch jetzt noch schwer, von einer Liebe zu sprechen, die auch nach dem Krieg noch lange verboten war. Malte Roesner als Manfred darf dagegen mit Gads Jugenddouble (Markus Schneider) die Ausgelassenheit der 20er Jahre spielen, den Mut der jugendlichen Gefühle. Regisseurin Natalie Schramm lässt ihnen da inmitten der Tonnen und ohne Requisiten wenig Chancen, diese wilde Atmosphäre spürbar zu machen. Die Musik wechselt hier ins Swingige, aber Roesners Stimme bleibt opernhaft, vielleicht hätte ein Mikro zum Stilwechsel geholfen. Seinen Erzählungen hätte er insgesamt mehr Farben geben müssen.
Das gelingt am Ende Miriam Sharoni in Heggies „Another Sunrise“ vortrefflich. 2000 in Braunschweig als Bernsteins Maria erfolgreich, zeigt sie in dem Monolog der Widerstandskämpferin Krystyna die Ausdruckskraft ihres dramatischer gewordenen Soprans. Das geht bis zum Schrei, wenn sie aushalten muss, dass Juden geprügelt werden, deren Sachen sie im KZ zu archivieren hat, wodurch sie überlebt. Doch Heggie kann die Musik auch ausdünnen zu trauriger Klarinette mit verlorenem Streicherzupfen. Christina Sieverts Regie sind die Tonnen voller Tonbänder für dieses Stück am nützlichsten. Ein starker Abend mit erstaunlich schöner Musik zu ergreifenden Geschichten bei nahtloser Verzahnung von Oper, Cabaret und Sprechstück.
Wieder am 7., 16., 23. Mai, 14., 24., 28. Juni
