Alles beginnt in einem Raum des rumänischen Geheimdienstes, Irene wird von einem sadistischen Hauptmann verhört. Die sachlichen Nahaufnahmen ihres Mundes samt einem Blatt Papier, das sie auf Befehl schlucken muss, verstören gleich zu Beginn. Ähnlich kurz und wie zerteilt hintereinander gereiht folgen sämtliche Szenen des neunzigminütigen Abends: Irene mit ihrer Freundin Dana, die sie in Rumänien zurücklässt; Irene in Büros deutscher Ämter; Irene mit Franz, den sie in ihrem Heimatort kennenlernt und in Deutschland wieder trifft; und Irene in den Mühlen des Bundesnachrichtendienstes. Doch vor allem: Irene in ihrer ersten Berliner Wohnung, die tatsächlich nicht mehr als ein weiterer Bretterverschlag auf der komplett zugestellten Bühne des Schauspielhauses ist, doch aus der Kameraperspektive so einiges zwischen Zufluchtsort und Lebenslabyrinth werden kann. Die logistische Leistung stammt von Bühnenbildner Alex Eales.
In Katie Mitchells Inszenierung ist Julia Wieninger einmal mehr überragender Mittelpunkt. Den zehn Schauspielern stehen rund doppelt so viele Techniker an Kamera, Licht und Ton gegenüber, die gemeinsam die Bühne bevölkern. Die Textfassung zum Bühnenstück erstellte die Regisseurin gemeinsam mit der Dramaturgin Rita Thiele, mitunter wurden Dialoge wörtlich aus der gleichnamigen Vorlage übernommen, zusätzlich jedoch auch andere Quellen der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hinzugezogen. Dadurch erhalten einige Figuren ein prägnanteres Profil, andere fallen gänzlich weg.
Titel von Buch und Theaterstück beziehen sich auf den Satz, der vollständig lautet „Reisende auf einem Bein und auf dem anderen Verlorene.“ Das Verlorensein wirkt durch die Bilder des Schauspiels, das ein Film wurde, beunruhigend nah in den Zuschauerraum hinein. Die Uraufführung zum Saisonauftakt am Deutschen Schauspielhauses Hamburg wurde lange beklatscht.
