Und die ist ein Spiegel, der alles, was vorgeht, vervielfältigt. Regisseur Christian Sedelmayer, der auch das Bühnenbild entworfen hat, hat das gläserne Schloss als verspiegelte, leicht angekippte Wand-Ecke auf die Bühne gestellt – alle, die davor agieren, scheinen an vier Stellen gleichzeitig zu sein, auch der Offizier (Uwe Schenker-Primus) im schimmernden Brustpanzer, der vergeblich den Degen führt, um sich zu befreien. Hier begegnet Indras Tochter (Heike Porstein) auch der Pförtnerin (Helena Köhne), die, an einem roten Schal häkelnd, den Weg in die Tiefe bewacht. Sie lacht über den Zettelkleber, der sich über sein Fischernetz freut, voller Schadenfreude – vom Orchester fulminant ergänzt.
Die Menschenmassen, denen Agnes auf ihrer Reise durch die Welt begegnet, haben sich mit fleischfarbenen Overalls (Kostüme: Caroline von Voss) eine Nacktheit angezogen, die sie mit Pappkleidern wie mit den Rollen bedecken, die das Leben an sie ausgegeben hat. Der Opernchor des DNT spielt das so präzise wie komisch und singt dazu, einstudiert von Markus Oppeneiger, vorzüglich, ob tragisches De Profundis oder gellender Hilfeschrei, juchzenden Can-Can oder düsteres Urteil über die Menschen. Und so vielfältig wie vielfarbig ist die ganze Musik Lidholms, mal lässt sie die Welt einstürzen, mal begleitet sie sie mit hämischem Gekicher, kann ganz zart trauernd, aber auch mit Blitz und Donner in diese Welt fahrend. Und die Staatskapelle Weimar mit ihrem Dirigenten Stefan Sloyom spielt das in allen Farben und Facetten aus. Dazu hat die Inszenierung mit Heike Porstein eine Agnes, die mit den Menschen leidet und klagt, aber nie sentimental wird, die das Expressive ebenso wie das Zarte beherrscht.
Nach der Pause gibt es ein paar Risse in der bis dahin beeindruckenden Inszenierung, weil Szene und Musik sich an Absurdität zu übertrumpfen suchen, und das tut beiden nicht gut. Agnes Liebesversuch mit dem Advokaten (Sebastian Campione) geht sehr hopplahopp in Kindergeschrei, Streit und Trennung über. Und die Herren Dekane, die darüber streiten, ob man die verbotene Tür öffnen darf, stecken in grellfarbenen Kästen und Röhren, um die Groteske zu betonen – was es nicht braucht. Doch dann fängt sich die Inszenierung wieder und mündet nach knapp drei Stunden in einem grandiosen Schlussbild: Agnes, von der Pförtnerin aus dem Spiegelraum ausgeschlossen, schwebt auf dessen Dach, um ihren Rückweg anzutreten – eine weiße, leuchtende Gestalt zwischen Himmel und Erde.
