Wo sich doch der Anfang eine vielsprechende Ruhe gönnt. Ganz weit hinten im riesigen, düsteren, etwas vernebelten Raum ist nur ein Kopf zu sehen, der auf zwei gebeugten Armen ruht. Langsam und schwerfällig erhebt sich das müde Wesen im langen Rock auf die Füße. Als sei es uralt oder von weit her. Héloïse Fournier tanzt sich allmählich ihren Weg nach vorn, wirft die Arme auf, ruckt sie wie gegen Widerstand, beugt den Oberkörper tief, holt aus, streckt sich hoch und breit, wird immer mehr Herrin dieser Welt, die dort entsteht. Bis aus dem Abgrund vorn Geröll emporgehoben wird. Es sind abgelegte, hingelegte Menschen, die sich langsam rühren, strecken, weich vom Haufen wegrollen, aufstehen, als Zweibeiner immer mehr werden, mit altmodischen Rüschen an Jacken und Hemden, und wie vom Gewicht der Zeiten gebeugt, schleppende, schwankende Schritte gehen. Seitlich, überkreuz und kaum voran. Da gibt’s kein Ankommen, ahnt man, höchstens Pausen von der Flucht.
Dieses leidensvolle, erdenschwere Gehen kontrastiert Susanne Linke mit den hurtigen Tänzen ihrer Ensemblemitglieder. Manchmal wirbeln, wehen, rollen sie einzeln, durchschneiden und quirlen die Luft, mal tun sich zwei zusammen, oder es bilden sich Unisono-Grüppchen oder auch mal ein wendiger Schwarm. Sie rennen im Kreis, stürzen sich in seine Mitte, sie formen stumme Reihen. Choreographische Mittel wie aus dem Baukasten. Man merkt, dass die Choreographin ihren Tänzern Entfaltung erlaubt, und so schwingen sie ihre Beine hoch, mäandern und rotieren mit den Armen, rollen zu viel, heben Kollegen akrobatisch, biegen und beugen ihre flexiblen Oberkörper. Im Ganzen fehlt da Verdichtung oder auch Mut zu etwas ganz anderem. Die kurzen Palaver auf Chinesisch, Spanisch, Russisch sind überflüssig, und auch die kleinen Sprachspiele, die Mareike Franz als kecke Hampelfrau von sich gibt, „Urlaub im Weinlaub“, wirken eher wie Füllsel. „Wat zuvill is, is zuvill“, sagt sie selber.
Die bemerkenswerte Lichtregie von Kai Kolodziej gibt der gut aufgelegten Truppe, die auch noch zusammenwachsen muss, Spielraum in ihrer Unbehaustheit, eher nächtlich als fröhlich warm, er lässt Tänzer zu gesichtslosen Schatten werden, saugt sie in Dunkelheit und schiebt sie wieder heraus. Das Musikarrangement von Wolfgang Bley-Borkowski, von Wagner-Streichern über Pink Floyd und John Coltranes Jazz bis zu präpariertem Klavier, begleitet eher, als dass es sich einmischt, was der Sache gut tut. „Nemmokna“ kommt noch nicht am Gipfel der Tanzkunst an, es endet denn auch im altmodischen Bild einer Cocktailparty. Da ist also noch Luft nach vorn.
