Sie alle bekommen wenig Unterstützung von ihrem Regisseur Christophe Honoré. Personenführung findet kaum statt. Man steht, bewegt die Arme, sieht sich an oder ins Publikum. Und irgendeine Choristin oder ein Statist läuft häufig wie von ungefähr dazu über die Bühne oder betrachtet die Szene versonnen. Die eingangs beschriebenen Probleme umgeht Honoré teilweise – der Chor bestreitet weite Strecken in Konzertkleidung und steht auch so, ein Schriftzug „Das Pferd“, der nicht produktiv wird für das Spiel, erscheint auf halber Bühnenhöhe – oder er ertränkt sie in kleinem Realismus. Die Trojanerinnen müssen in ihren weiten Gewändern nach Giftfläschchen wühlen, die man schon in Reihe 10 nur schwer erkennen kann. Woher haben sie die übrigens? Cassandre hat ihnen doch gerade erst 15 Minuten lang die Möglichkeit eines Suizids vor Augen geführt?
Katholizismus versus freie Liebe?
Natürlich gibt es durchaus Grundzüge einer Interpretation. Beide Städte, Troja und Karthago, hat Katrin Lea Tag aus Beton erbaut, wobei Karthago architektonisch definierter gerät, fast wie ein ästhetischer Nachfolger Trojas. Die oft rätselhaften Kostüme von Olivier Bériot scheinen Troja katholisch zu verorten (Roben und angedeutete Kardinalshüte), in Karthago scheint alle Religion überwunden. Wenn der Vorhang aufgeht, gibt man sich bunt und nackt im Sichtbeton. Es scheint die freie Liebe zu herrschen, wenn auch eher im Bild als im Spiel. Anstelle der Pantomime gibt es eine gefilmte Party zu sehen inklusive der Darstellung sexueller Handlungen mehrerer junger Männer miteinander. Diese Filme sind die Ursache dafür, dass die Bayerische Staatsoper die Produktion ausschließlich für über 18-Jährige empfiehlt. Dabei hat der Umgang der jungen Männer mit sich und ihren primären Geschlechtsorganen so gar nichts Anstößiges oder Gewaltsames. Die Frage ist nur, wie er sich in den dramaturgischen Kontext von Fabel und Musik fügt. Hier bleibt der Rezensent ratlos. Denn jene propagierte freie Liebe wird doch kaum ausschließlich gleichgeschlechtlich sein? Zudem sind die Bildreize wie die Leinwände recht klein. Und man ärgert sich darüber, wie linkisch sie umgestellt und abtransportiert werden. Die kleinen handwerklichen Dinge scheinen generell nicht gearbeitet in der Inszenierung. Will oder muss eine Darstellerin, ein Darsteller etwa sitzen, muss er oder sie sich dafür einen Stuhl aus der Kulisse holen.
Hector Berlioz‘ Opus Magnum „Les Troyens” ist ein Stück über zwei Frauen, die zugrunde gehen, weil ihnen ihre männlich dominierte Umgebung nicht gewachsen ist. Und es ist ein Stück über Krieg und Flucht. Eine Haltung hierzu, ob nun grundsätzlich oder aktuell, sucht man vergeblich. Auch diese Herausforderung hat Christophe Honoré nicht angenommen.
